3/28/2010

Hotel California

Seit einiger Zeit habe ich erkannt, dass meine einzige Chance in der Flucht besteht. All die Erlebnisse mit meiner Vemieterin, all die Vorfälle, lassen sich in ihrer schieren Summe einfach nicht mehr verleugnen, oder Missverständnissen zuschreiben. Die Zeit, in der ich versuchte, Hilfe zu holen, oder die Welt einfach nur zu warnen, sind vorbei. Es gibt eben nur begrenzt viele schwarze Messen, Wetterkontrollmaschinen und Westerwelle-Cyborgs, die man irgendwie verdrängen kann ohne irreparablen Schaden zu nehmen. Und dazu kommt die Ahnung eines Masterplans, ein Gefühl einer düsteren Bestimmung, das, einer raschen Bewegung im peripheren Sichtfeld gleich, präsent ist und doch nicht greifbar. Es stand also fest: Ich musste raus hier.

Entscheidungsfördernd war das wiederholte Anschauen des 70er-Jahre-Gruselklassikers „Landhaus der toten Seelen“, unlängst auf DVD erstanden, in welchem eine Familie trotz aller Vorzeichen ja auch den entscheidenden Moment zu lange zögert, aus einem merkwürdigen Mietverhältnis einer noch merkwürdigeren Vermieterin zu entkommen. Und vollständig ausgelöscht wird.

Also begann ich, heimlich, auf Wohnungssuche zu gehen. Dabei aber haben sich in den letzten Tagen sonderbare Vorkommnisse gehäuft. Ansichtstermine, die plötzlich abgesagt wurden. Makler, die plötzlich spurlos verschwanden. Zunächst dachte ich mir nichts dabei – schließlich konnte meine Vermieterin unmöglich ahnen, was ich vorhatte.

Immer misstrauischer wurde ich, als ich bemerkte, dass jedes Mal, wenn ich in den letzten Tagen das Radio einschaltete, „Hotel California“ lief. Egal welcher Sender. Immer die letzte Strophe. Geloopt.

Mirrors on the ceiling,

The pink champagne on ice

And she said 'We are all just prisoners here, of our own device'

And in the master's chambers,

They gathered for the feast

They stab it with their steely knives,

But they just can't kill the beast

Last thing I remember, I was

Running for the door

I had to find the passage back

To the place I was before

'Relax,' said the night man,

'We are programmed to receive.

You can check-out any time you like,

But you can never leave!'

Gestern, als ich gerade wieder das Radio eingeschaltet hatte, schwitzend und nervös lachend, hörte ich plötzlich ein Geräusch vor meiner Tür. Ich kannte dieses Geräusch. Es war das vertraute, leise Schaben meines Fußabtreters, wenn meine Vermieterin eine der wöchentlichen Nachrichten in Zettelform auf ihm deponiert. Ich lauschte atemlos. Kämpfte kurz mit mir. Dann öffnete ich die Tür. Meine Vermieterin kauerte vor der Tür, hatte gerade den Zettel abgelegt. Sie blickte auf. Pupillenlose, weiße Augen blickten mich an. Aus unerfindlichen Gründen beschlich mich ein beinahe panikartiges Gefühl von Déjà Vu.

- Oh, hallo Herr X, ich wollte Ihnen nur kurz diesen Zettel hinlegen, um Sie darüber zu informieren, dass Ihre Wäsche noch im Keller hängt, obwohl sie bereits seit 37 Minuten komplett getrocknet ist.

- Oh. Danke, Frau Y.

Mit einem leisen *plopp* kamen ihre Pupillen zurück.

- Sie hören das, wenn ich hier Zettel deponiere?

- Seit einiger Zeit schon, ja.

Wir schwiegen. In der Ferne krächzte ein Bussard. Da war das Gefühl wieder.

- Naja das wollte ich Ihnen nur mitteilen. Die Wäsche muss weg. Die anderen Mieter brauchen ja auch Platz, um die Wäsche aufzuhängen.

- Natürlich. Das verstehe ich. Ich werde die Wäsche gleich abhängen.

- Gut. Gut. Sie werden ja schließlich noch eine Ewigkeit hier verbringen.

Was hatte sie da gerade gesagt?

- Entschuldigung, was sagten Sie gerade?

- Ich sagte, Sie wollen ja schließlich noch einen Moment hier wohnen. Da muss man Rücksicht nehmen.

- Ach so... ja.... natürlich.

- Oder gibt es etwas, dass ich wissen sollte?

- Wie? Nein. NEIN. Natürlich nicht. Wieso... warum fragen Sie?

- Wieso frage ich was?

- Na, ob... warum... was... ach... ich weiß auch nich.... vergessen Sie´s – ich hab mich verhört.

- Ja.

- Ja.

- Ach, Sie hören ja „Hotel California“. Ich mag diesen Song.

- Diesen... Song?

- Na dieses Lied. Es erinnert mich an die 70er. Viele sagen ja, der Text verberge eine geheime, okkulte Botschaft. Völliger Quatsch, wenn Sie mich fragen.

- Ich ... ich glaube auch.

- Ja.

- Ja. Ich geh dann mal wieder rein.

- Machen Sie das, Herr X. Auf Wiedersehen.

Heute Morgen hat die Maklerin einer Wohnung, für dich ich mich interessierte, bei mir angerufen. Sie sagte, sie könne den Vertrag leider nicht mit mir besprechen, da sie auf unbestimmte Zeit verreisen müsse. Nach Ägypten.

23 Uhr 30. Ich habe wieder angefangen zu rauchen.

3/21/2010

Popgap

Ein unterschätzter Aspekt der in der täglichen Erfahrung im Grunde immer noch relativ ungreifbaren „Finanzkrise“ ist die Vernichtung von Marken. Als beispielsweise vor einiger Zeit Quelle die Segel streichen musste, habe ich mich lange Zeit gefragt, warum mich dieser Prozess auf seltsame Weise betroffen machte. Schließlich hatte ich nie etwas bei Quelle bestellt; und außer ganz früher, also in der Zeit des großen Abschieds aus der ersten Hörspielkassettenphase, als der Quellekatalog aus ganz anderen Gründen eine gewisse Faszination aus mich ausübte (natürlich wisst ihr was ich meine), hat dieses Unternehmen auch nie eine Rolle in meinem Leben gespielt. Ich war eigentlich sogar Krisengewinnler, als ich beim großen Quelle-Ausverkauf ein ziemlich cooles Sweatshirt kaufte, wie es sich für ein gewissenloses westliches Kapitalistenschwein gehört. (Und es - natürlich - nur knapp zwei Wochen später billiger bei Karstadt rumliegen sah.)

Ich habe erst verstanden, was mich an dieser Sache so beschäftigte, als ich mich vor einigen Wochen so über dies und jenes mit einem Bekannten unterhielt und der plötzlich sagte: „Tja Quelle gibt´s nicht mehr... irgendwie krass oder?“ Das war´s: Die Marke Quelle war weg. Eine Marke, die, so lange ich denken konnte, eine feste Größe war und im Zusammenspiel mit abertausenden anderen Faktoren meinen kulturellen Tellerrand bildete.

Marken stiften kulturelle Identität, sie sind, Dauerhaftigkeit und Größe vorausgesetzt,Wegbegleiter und sie transzendieren ein Produkt über dessen Beschaffenheit und Nutzen hinaus. Sie laden es mit Erinnerungen, Eindrücken und Gefühlen auf. Das ist per se weder gut noch schlecht, sondern lediglich ein Effekt, der sich eben einstellt und sicherlich auch bewusst genutzt wird. Und so entsteht, fällt eine solche Marke plötzlich weg, eine undefinierbare Lücke, ein Gefühl von Verlust, welches unabhängig von einer realen Anwendbarkeit existiert. Ein diffuses Gefühl, das logisch nicht greifbar ist; sich aber, da bin ich mir sicher, auch bei anderen Menschen einstellt, wenn der Märklin-Laden in der Mall dichtmacht, den man mangels Interesse an Modelleisenbahnen doch nie betreten hatte. Nicht umsonst war ein wichtiges Kennzeichen der unverhältnismäßig schnell wieder zu den Akten gelegten Popliteratur der 90er Jahre die Besessenheit mit Marken, wie sie zB in Christian Krachts „Faserland“ bis zum Exzess betrieben wurde.

Was macht Benjamin von Stuckrad-Barre eigentlich heute?

3/15/2010

Perlen der Filmgeschichte 3 - Wicker Man

Als ich dieser Tage wegen eines kleinen Infekts ein paar Tage lang keinen Kopf zu gar nichts hatte, brachte mir ein netter Mensch einen Stapel DVDs vorbei, die ich noch nicht kannte. Unter ihnen war ein Nicholas Cage Film von vor ein paar Jahren namens "Wicker Man". Es geht darum, dass Nicholas Cage, diesmal ein Polizist, auf der Suche nach einem verschwundenen Mädchen eine abgelegene schottische Insel aufsucht. Die Leute dort sind allerdings, wie er schließlich erfahren muss, Anhänger eines heidnischen Kults und opfern ihn kurzentschlossen ihrem Gott. Oder Göttin. Das war´s.

Der Film ist zum Schreien komisch. Das geile daran ist aber, dass er das gar nicht sein möchte. Er möchte ganz offensichtlich vielmehr Angstkino sein, ein verstörender Trip in menschliche Abgründe. Da ist es natürlich ein bisschen undankbar, vor Lachen von der Couch zu fallen, aber was soll man machen. Cage, der im Moment gefühlte 20 Filme pro Jahr rausbringt, achtet ganz offensichtlich nicht mehr all zu sehr auf das Script, sofern es Kohle gibt. Und was sein Schauspiel angeht, hat sich der seit je her nicht gerade um Subtilität bemühte Mime mittlerweile auf einem dermaßen hohen, brummkreiselmäßigen Overacting-Level eingependelt, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder er ist im Laufe der Jahre ein schlechterer Schauspieler geworden (unwahrscheinlich). Oder es ist eine Form des Protests gegen die oft rumpeldummen Drehbücher.

Gleich nach dem Film machte ich mich aus ehrlicher Begeisterung heraus an eine kleine Internetrecherche, und tatsächlich, ein anderer Fan hat bereits ein Best Of zusammengeschnitten. Enjoy!

Um aber noch eine Lanze für Nicholas Cage zu brechen: Jedesmal wenn man denkt, diesmal sei der Mann durch, kommt er mit was absolut coolem aus´m Quark. Wie z.B. diesem Original-WTF-Moment hier:

3/11/2010

Die dreibeinigen Herrscher und das Unbehagen einer Generation

Das Unbehagen in der Generation hat, wie ich heute herausfand, vielleicht ganz banale Ursachen. Heute habe ich mich mit zwei Kollegen über eine kleine Macke von mir unterhalten, einen Zustand, mit dem ich mich bis dato alleine wähnte, den aber, wie sich herausstellte, beide Kollegen mit mir teilen. Und nicht nur die; auch weitere, sich spontan einklinkende Zuhörer berichteten über ähnliche Erlebnisse. Worüber ich hier eigentlich rede, ist folgender Effekt: Ein plötzlich einsetzendes, unerklärliches und unangenehmes Gefühl von Unbehagen, manchmal sogar einer schwach-bedrohlichen Präsenz, welches mich seit jeher überkommt beim Anblick von - Windrädern.

Einen vergleichbaren, wenn auch in seiner Intensität abfallenden Effekt haben auch Strommasten, vor allem in der Kolonie,


sowie alle Arten von größeren, alleinstehenden artifiziellen Konstrukten am Horizont.


Ich hatte diesen Effekt längst zu den Akten gelegt als lediglich weiteren Hinweis, dass ich im Grunde übelst einen an der Klatsche habe, und war dementsprechend verblüfft, dass praktisch alle Anwesenden von vergleichbaren Eindrücken berichteten. Doch einer war dabei, der hatte sich nach eigenen Angaben schon mit dieser Thematik beschäftigt und eine einleuchtende Erklärung gefunden:

Der beschriebene Effekt sei ein typischerweise bei Angehörigen der Generation Golf und Generation Kassettenkind anzutreffender Zustand, und dabei nichts geringeres als ein schwaches posttraumatisches Stresssymptom, denn er ließe sich zurückführen auf Verarbeitungsdefizite bei der Rezeption der britischen 80er-Sci-Fi-Serie "Die dreibeinigen Herrscher", die ja tatsächlich so ungefähr jedes Kind dieser Ära begeistert verfolgt hat, es sei denn, die Eltern hatten aus ideologischen Gründen den Fernseher verschrottet.

Diese noch heute legendäre (und unlängst endlich auf DVD erschienene) Serie schilderte nicht nur eine spannende Story, sondern sie erschuf etwas, zumindest für deutsche Kinder dieser Zeit, völlig neues: eine fesselnde Grundstimmung, ein permanentes, bedrohliches Hintergrundrauschen, das sich immer wieder in Gestalt riesiger, dreibeiniger Metallungetüme manifestierte, die allwissend und allsehend am Horizont auftauchten und die kleinen Zuschauer zusammen mit ihren Helden frösteln ließen.



Diese Serie habe, so mein Kollege, einen tiefen Eindruck bei den ihr schutzlos und begeistert ausgelieferten Zuschauern hinterlassen, die bis dato im Kinder-TV nicht schlimmeres zu sehen bekommen hatten als den armen Gockel aus Uhlenbusch, der allwöchentlich unter die Räder kam. Einen Eindruck, der noch heute spür- und empirisch messbar sei. Er habe sogar gelesen, dass es Forschungen dazu gegeben habe. (Natürlich konnte er sich nicht erinnern, wo er das gelesen hatte, wer die Forscher waren, oder wer zum Teufel das wieder finanziert hatte.)

Aber einleuchten tat mir das schon, und auch die anderen Umstehenden waren schnell überzeugt. Das Gefühl war tatsächlich das selbe. Man bräuchte jetzt Kontrollgruppen, eine aus Kindern der Pepe Nietnagel- und eine aus Kindern der Hero Turtles Generation.

3/08/2010

Meine Vermieterin kehrt zurück

Ich hatte schon mehrere wirklich unheimliche Erlebnisse mit meiner Vermieterin. Man denke nur an die schwarze Messe. Oder die Sache mit der Wetterkontrollmaschine. Oder die Sache mit Schäuble. Doch all das lag nun schon Monate, zum Teil Jahre, zurück. Und wie alle schrecklichen, traumatischen Erlebnisse verschwammen auch diese langsam immer mehr zu merkwürdig surrealen Traumbildern. War all das wirklich passiert? Hatte ich wirklich gesehen, was ich gesehen hatte? Ich meine, Voodoo? Eine Wetterkontrollmaschine? Wolfgang Schäuble? Immer mehr dämmerte in mir die Erkenntnis, dass meine Erinnerung mich trügen musste. Dass all das nicht real gewesen sein konnte. Dass ich vielleicht ein ganz anderes Problem hatte.

Bis, ja bis ich gestern beim Ausschütteln meines Eisbärfellkaminvorlegers beobachtete, wie ein schwarzer Van ohne Nummernschilder vorfuhr und zwei Männer in Blaumännern in schwarz - in Schwarzmännern also - ausstiegen. Sie öffneten den Kofferraum und holten eine menschenähnliche, jedoch völlig starre Gestalt heraus, welche sie zur Tür trugen und bei meiner Vermieterin klingelten. Nach etwa 15 Minuten verließen sie die Wohnung wieder - ohne die Gestalt - und fuhren davon.

Ich musste Gewissheit haben. Ging es wieder los? Oder spielte mein Gehirn mir nur einen weiteren Streich? Ich wartete, bis meine Vermieterin das Haus verließ und verschaffte mir mit meinem Peter-Shaw-Gedächtnis-Dietrichset Zugang zu ihrer Wohnung. Im Flur stand die Gestalt. Sie war schlank und trug einen Anzug, doch dort, wo das Gesicht sein sollte, waren nur Kabel und Platinen. Es war ein Cyborg. Ein Cyborg, dem man die Gesichtsschale entfernt hatte. Und er regte sich nicht.

In der Reverstasche steckte ein lieferscheinartiger Zettel, auf dem stand: "Sprachchip defekt. Logik- und Verhaltens-Subroutinen beschädigt. Zurück an die Brutkönigin zur Reperatur oder Replikation."

Brutkönigin?

Ich entdeckte im Nackenbereich einen freigelegten Schalter.

Sprachchip defekt. Verhaltens-Subroutinen beschädigt. Wer ist das?

Auf dem Schalter stand on/off. Ich schaltete auf on. Eine etwas zu schrille, leicht überkandidelte und irgendwie einfach furchtbar unsympathische Stimme tönte aus der eckigen Öffnung im Kabelgeflecht, die normalerweise durch den Mundbereich der Gesichtsschale abgedeckt sein musste:

"Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt´s einen, der die Sache regelt."

Das kam mir bekannt vor.

"Wir können uns auch gerne mal außerhalb einer Pressekonferenz nur zum Tee treffen."

Konnte... konnte das sein?

"Und dann sprechen wir nur Englisch."

Mein Gott.

"Wer anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein."

Ich musste hier raus.

3/07/2010

Rorschach

Letzte Woche hatte sich endlich mal wieder Besuch angemeldet und zwar in Form einer guten Freundin aus Unitagen, aus der Kategorie „Man-sieht-sich-viel-zu-selten-seit-das-wahre-Leben-begonnen-hat“. Wie man schon aus dieser Schubladenkategorie herauslesen kann, verbindet uns nicht nur gegenseitige Sympathie und eine recht bewegte Vergangenheit, sondern auch das Hadern mit dem Erwachsenwerden und eine allgemeine Altersmelancholie. Was in unserem Alter natürlich verdammt prätentiös ist.

Jedenfalls beschloss ich im Vorfeld, die Wohnung noch ein bisschen auf Vordermann zu bringen, und weil es ein ungewöhnlicher Besuch war, hieß das nicht nur Wäsche vom Boden auflesen und Geschirr spülen, sondern – ja was eigentlich? Irgendwas gemütliches fehlt noch, dachte ich. Kurz darauf kam mir beim Einkaufen die Idee: Allenthalben ragten Sonderposten mit Ostersüßkram in die Höhe, das hieß doch, dass es wieder diese coolen Marzipaneier mit Kaffee- und Orangegeschmack gab. Von denen konnte ich ja ein paar auf den Tisch hauen, ich jedenfalls mag sie gern.

Und überhaupt, mein Marzipanproblem. Was für geile Sachen da wieder rumlagen in meinem Plus Netto. Diesmal gab es nicht nur Marzipaneier, sondern auch Marzipanfrüchte. Also diese coolen Marzipanklötze in Fruchtform, die beispielsweise aussehen wie eine Möbelhausbanane oder eine Möbelhausbirne. Ein Hase und ein Marienkäfer waren auch dabei. Die würden sich bestimmt auch gut machen, dachte ich einem Marzipanflash erliegend, und packte sie ebenfalls in meinen Wagen den umsichtig von den letzten vier Schachteln befreiten Haferflockenkarton aus der Nährmittelzeile.

Zu Hause breitete ich die Marzipaneier und die Marzipanfrüchte, und -hasen und –marienkäfer auf dem Tisch aus. Der Marienkäfer sah merkwürdig aus mit seiner zu runden Form und den irgendwie abgewetzten schwarzen Punkten, die mitunter nur noch kleine dunkelrote Erhebungen in der Textur waren. Der Marienkäfer sah gar nicht aus wie ein Marienkäfer. Er sah aus wie ein roter Arsch mit Pickeln.

Wenig später kam mein Besuch und ein entspannter Nachtmittag/Abend begann. Als sich eine kurze Gesprächspause ergab, blickte sie auf einen Marzipanmarienkäfer, drehte für einen Moment gedankenverloren den Kaffeebecher Zentimeter vor ihren Lippen und sagte dann: „Diese Dinger sehen eigentlich gar nicht aus wie Marienkäfer.“

„Stimmt,“ lachte ich.

„Eigentlich“, fuhr sie fort, „sehen sie mehr aus wie Äpfel.“

„Öh...“

„Wie ein schöner roter Apfel, wie der Apfel bei Schneewittchen und die sieben Zwerge, nur dass er auf beiden Seiten so rot ist, und nicht nur auf der vergifteten.“

„Genau,“ sagte ich, „ja, wie... wie bei Schneewittchen und die sieben Zwerge... dachte ich auch.“

2/20/2009

Nachlese

Seit gestern rollen ja wieder mal die Tollen Tage über uns hinweg, woran ich auf etwas seltsame Art und Weise erinnert wurde, als ich diesen Donnerstag Nachmittag in der Stadt einer Gruppe von fünf Frauen begegnete, die sich sichtlich angeheitert, quiekend und prustend vor mir aufbauten und mir vorwarfen, keinen Schlips zu tragen. Nun wohne ich nicht eben in einer Karnevalsmetropole (und abgesehen davon auch nicht eben in einer Metropole), weshalb ich doch etwas unvorbereitet auf diese Begegnung war. Die wasserstoffblonde Anführerin baute sich vor mir auf: "Das ist ganz schön gefährlich, was Du hier machst, wenn frau keinen Schlips findet, schneidet sie dir nachher noch ganz was anderes ab!" dünstete mir entgegen und ich fragte mich, ob die fünf Mädels sich darüber klar waren, dass sie irgendwie so ein Gefühl latenter Bedrohung ausstrahlten. Aber zum Glück kam ein Typ mit Krawatte vorbei und sie vergaßen mich so schnell wie ich auf ihren Radar geraten war. Ich überlegte später, dass es ja im Prinzip keine Möglichkeit gibt, in solchen Fällen sicher zu sein, dass man es wirklich mit Karnevalsfunkenmariechen zu tun hat und nicht mit besessenen Psychokillerinnen, die, die Gunst der Stunde nutzend, aus der Geschlossenen ausgerissen sind, um ihre Kastrationsfantasien auszuleben. Die Amerikaner haben diese Angst als kulturelles Phänomen ja bereits erkannt und in diverse Filme kanalisiert, in denen sich zu Halloween echte Killer und Monster unter die als Killer und Monster verkleideten Kids mischen, um mal so richtig einen auf blutige Ernte zu machen. In Deutschland hatten wir so einen Film meines Wissens bisher noch nicht, vielleicht wird es also Zeit mal ein Drehbuch zu verfassen, in dem es um den Blutrausch einer außer Kontrolle geratenen mittelständischen Chefsekretärin an Altweiberfasching geht. 

Wobei ich seit einigen Jahren ja tendenziell - tendenziell! - eher Karnevals- bzw Faschingsfreund bin. Der geneigte Leser kennt das ja, wenn man nicht gerade in Köln oder Mainz wohnt, kann man in diesen Tagen im Prinzip nirgendwo hingehen, ohne den folgenden Satz zu hören: "Also ich finde Fasching/Karneval ja echt voll daneben. Dieser Zwang, nur wegen eines Datums jetzt auf Kommando fröhlich zu sein. Da kann ich wirklich nichts mit anfangen." Ich denke dann immer, OK, das ist zwar nicht originell, aber sicherlich richtig. Bloß: All die Leute, die sowas sagen, haben ja die letzten zwei Dekaden damit verbracht, nur wegen eines Datums jetzt auf Kommando missmutig zu sein. Nur so aus Protest. Ohne darin jetzt ´nen Interessenkonflikt zu sehen. 

Marginal passend zur Jahreszeit habe ich kürzlich eine interessante CD entdeckt, als ich in der Audiobook, sorry, Hörspiel Ecke von Saturn nach der neuen Drei Fragezeichen Folge suchte. Was ich dabei entdeckte, war die erste Folge einer neuen Hörspielserie von einem Label namens (Achtung!) "Folgenreich". Es handelte sich dabei offenbar um eine Art satirische Hommage an die geilen Horrorhörspielcasetten der 80er, die man immer irgendwie an den Eltern vorbeigeschmuggelt und dann abends bei Taschenlampe auf dem Monocasettenrecorder gehört hatte - Macabros, Larry Brent, Dämonenjäger Dorian Hunter und all so was. (Wer jetzt überhaupt nicht weiß, wovon ich rede, sollte sich zumindest dringend mal die absolut unsterblichen und nach 20 Jahren immer noch bei amazon erhältlichen Europa-Hörspiele "Macabros Folge 3 - Konga der Menschenfrosch" oder "Larry Brent Folge 1 - Die Angst erwacht im Gruselschloss" besorgen. Sind die geil!) Diese neue CD sprang mir also ins Auge, weil sie den grundgenialen Titel "Jack Slaughter - Tochter des Lichts" trug.  Es geht, wie üblich, um einen Typ, der eines Tages erfährt, dass er der Nachfahre einer langen Ahnenreihe von Kämpfern gegen das Böse ist, und, nun mit diversen magischen Superwaffen ausgerüstet, den Kampf mit allerlei bösartigen Kreaturen aufnimmt. Nur dass in diesem Fall ein Missgeschick passiert ist, und besagter Jack Slaughter aus irgendeinem Grund als Kerl auf die Welt kam, und nicht, wie alle seine Wiccavorfahrinnen, als Buffy-Summers-mäßige Bikinischönheit. Die Geister seiner Vorfahrinnen, die "die Neue" traditionell einweisen, haben dafür wenig Verständnis, reden ihn konsequent nur mit "Jackie" an und sparen auch nicht mit Schminktipps. Der dadurch unfassbar gefrustete Jack stürzt sich trotzdem in die Schlacht gegen das Böse und versucht verzweifelt seine Würde zu bewahren, wenn er die von Vorfahrin zu Vorfahrin weitergereichte Superwaffe, eine verzauberte Barbiepuppe, zückt und die magische Formel spricht: "HILF MIR, PONYTAIL, ICH BIN DIE TOCHTER DES LICHTS!" 

A pro pos Töchter des Lichts, letzte Woche war ich abends bei zwei Kollegen, um ein paar Bierchen zu zischen und Germany´s Next Topmodel zu schauen. Völlig untypischerweise war ich trotzdem mit dem Auto unterwegs und bin abends auch mit selbigem nach Hause gefahren. Was natürlich bescheuert war, ich weiß. Tatsächlich fuhr ich dann, ich konnte es selbst kaum glauben, direkt in eine Routinepolizeikontrolle. Es war wirklich irgendwie surreal, ich dachte nur so - das kann noch nicht sein, ausgerechnet heute, das kann doch nicht SEIN usw. Der grenzwertig freundliche Wachtmeister fragte mich nach meinen Papieren und ob ich etwas getrunken hätte, was ich nicht ganz wahrheitsgetreu verneinte. "Sie riechen aber nach Alkohol. Steigen Sie bitte mal aus." Es war einer dieser Momente, wo alle Coolness einfach so hinten rausströmt und dich als panisches, kümmerliches und irgendwie würdeloses Häufchen Elend zurücklässt. Ich sah meinen Führerschein bereits auf unbestimmte Zeit davonfliegen und stieg schicksalsergeben aus. Machte die Blasröhrchennummer ohne weitere Kinkerlitzchen mit. Spielte im Hinterkopf schon all diese lächerlichen, auf Halbwissen beruhenden Handlungsmöglichkeiten á là "Ich verlange einen Bluttest" etc. durch. Der Polizist schaute lange auf das Digitaldisplay des Testgeräts, schaute auf mich, wieder aufs Gerät, und sagte dann: "0,0 Promille. OK, Sie sind sauber." Die Information brauchte ein paar gefühlte Sekunden, um zu sacken, aber scheinbar antwortete ich ohne Zeitverzögerung und relativ unbeteiligt "Ja klar, sag ich doch", und versuchte dann, trotz völlig abgesacktem Blutdruck, ganz lässig zu meinem Auto zu schlendern, einzusteigen und ab dafür. Keine Ahnung, ob das Gerät kaputt war oder was. Aber den Atemaufsatz, den ich scheinbar unbewusst schnell einsackte, trag ich bis auf weiteres in meiner Jackentasche. 

12/28/2008

Die Bahn

Einer der großen Vorteile, mit dem Studentenleben abgeschlossen zu haben, ist, dass man nicht mehr zwingend auf die Bahn angewiesen ist. So bekam ich vorgestern fast ein nostalgisches Gefühl, als das Hosenkonzert anstand und wir beschlossen, doch einfach mit der Bahn hinzufahren, weil die Hosen so freundlich waren, ihrem Konzertticket ein valides RMV-Ticket beizufügen, das einen auch noch direkt vor die Haustür der Festhalle brachte. Also nahmen wir den Zug.

Die Hinfahrt verlief wunderbar. Aber auf der Rückfahrt wurde ich mal wieder schmerzlich daran erinnert, warum ich Bahnfahren hasse. (Nein, der Zug war pünktlich, warum fragen Sie?) Wir stiegen in den letzten Zug aus Frankfurt und bekamen sogar Sitzplätze. Aber wie es die Viererabteile in voll besetzten Zügen so mit sich bringen, kann man nicht immer ganz unter sich bleiben. Neben mir zum Beispiel saß Marc (möglicherweise auch Mark). Marc war Punk, 15 oder 16, und redete ohne Unterlass. Nicht mit mir oder sonst wem, der bei uns saß, sondern mit seinen Punkkollegen, die sich im Gang drängelten. Denn Marc war mit seiner Clique auf dem Weg nach Berlin, das Wochenendticket nützen.

Im Grunde hörte Marc keiner zu, was insofern problematisch war, dass er einfach lauter und lauter redete - und ich leider zwischen ihm und seinen Adressaten saß. Hatte ich beim Konzert kein Problem gehabt, drohte mir nun ein akuter Tinitus. Aber man will ja nicht immer motzen, also mental die Ohren zugeklappt und versucht, einfach nicht zuzuhören.

Leider waren weder Marc noch seine Kollegen besonders helle. Genau genommen, wären sie noch dümmer gewesen, man hätte sie gießen müssen. Versuchen Sie mal, wegzuhören, wenn ihr Nachbar lautstark jeden Gedanken an rationales Denken durch den Fleischwolf dreht. Gut, alles nicht schlimm. Bis einer von Marcs Kollegen ihm dann doch Aufmerksamkeit widmete und sich vom Gang reinbeugte, um mit Marc irgendwas über die Vorteile von Mayonaise auf Toastbrot auszudiskutieren. Der Kollege kletterte auf die Lehne meines Stuhls, Speichel und ein ziemlich übler Geruch schlugen mir entgegen, und Marc und sein Kollege schrien sich an, während mir die Nieten der Jacke von Marcs Kollegen an der Backe scheuerten.

Ich schubste Marcs Kollegen zurück in den Gang und warnte ihn, sich nochmal über mich zu beugen. Sowohl Marc als auch sein Kollege reagierten relativ eingeschüchtert, jedoch verständnislos.

Dann musste Marc aufs Klo. Nachdem er das lautstark geäußert hatte, schloss er seine Bedenken an, dass es in dem Abteil kein Klo gäbe. Bevor ich ihm widersprechen konnte, monologisierte Marc eine Idee: Er hätte ja ne halb volle Bierflasche in der Hand, die möglicherweise Platz genug böte. "Will vorher noch jemand trinken?" Marc stand auf und begann an seinem Reißverschluss zu nesteln. Ich packte ihn an seiner Jacke und zog ihn zurück in seinen Sitz. Ich klärte ihn darüber auf, was ich mit ihm tun würde, wenn er jetzt in seine Flasche pisst. Völlig verständnislos ließ Marc immerhin von seinem Vorhaben ab und beschloss, bei der nächsten Station schnell mal zur Tür raus zu pinkeln. Die nächste Station kam, Marc ging zur Zugtür. Es klappte nicht. Völlig entnervt kam Marc zurück, eine Hand in seiner schmutziggrauen Unterhose. "Das war viel zu kurz ey! Jetzt muss ich ihn zuhalten bis zur nächsten Station. Woah ey, das presst!" Ich schloss die Augen und ging an meinen Happy Place.

Die nächste Station war unsere. Ich stand noch vor Marc auf. Als wir den Bahnhof verließen, konnte ich nicht anders als zu denken: "Jetzt ist es passiert. Ich gehöre zum Establishment."

11/20/2008

Novelty

Immer mehr Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis versuchen sich in letzter Zeit als Autoren – Grund genug, das auch mal zu probieren. Leider hat es keiner meiner vielen Romane über die ersten drei Sätze hinaus geschafft. Und dabei habe ich doch alle Genres durchprobiert. Nun, damit nicht alles vergebens war, habe ich beschlossen, die Romananfänge trotzdem zu veröffentlichen.

Genre 1: Spannung
Dan richtete die Taschenlampe auf den Fluchtpunkt des düsteren Gewölbetunnels. Der Lichtstrahl verlor sich in der Dunkelheit wie seine Gedanken sich im Chaos jüngst zurückliegender Ereignisse verloren. Er war auf ein Geheimnis gestoßen, so unfassbar, so unerhört, so wahnsinnig provokativ, so durch und durch rampensaumäßig, dass der Vatikan, das wusste Dan, alles tun würde, um ihn zum Schweigen zu bringen. Und wenn er ihm einen Albinokillermönch hinterherschicken müsste. Dabei hatte alles so harmlos begonnen, als vor einigen Tagen sein alter Freund, der geheimnisumwitterte Museumskurator...

Genre 2: Krimi
„Ich habe euch alle heute zusammengerufen, um reinen Tisch zu machen.“ Er räusperte sich. „Bella – ich betrüge dich seit Jahren mit deiner besten Freundin Margret. Margret – ich betrüge dich seit einiger Zeit mit deinem Mann Fred. Fred – du bist gefeuert. Tante Maynard – das mit deiner Katze war kein Unfall. Nun gut. Ich verstehe, dass ihr mich nun hasst. Manch einer würde sagen, jeder einzelne von euch hätte nun ein handfestes Motiv mich umzubringen. Jedoch... Oh - was ist das? Stromausfall? Man sieht ja die Hand vor Augen nicht mehr.“

Genre 3: Dystopische Sci-Fi
All die arroganten Atheisten guckten verdammt dumm aus der Wäsche, als am 23. Juni des Jahres 2012 ein fliegendes Spaghetti-Monster etwa zwei Drittel der Erde vernichtete. Die Überlebenden rotteten sich in den zerstörten Städten zu Clans zusammen und versuchten....

Genre 4: Drama
Amber-Lynn war verzweifelt. Die in ihr hochbrandenden Gefühle lähmten sie, ließen sie vergehen in unbändigem Hass, bedingungsloser Liebe und abgrundtiefer Verzweiflung, und wäre ihr Körper eine Kanone gewesen, sie hätte ihr Herz auf Kyle geschossen, der ihr alles genommen hatte, ihren unbändigen Hass, ihre bedingungslose Liebe, ihre abgrundtiefe...

Genre 5: Fantasy
Es war eine dunkle und stürmische Nacht. Kull hatte sich schon zu lange schutzlos durch Regen und Schlamm gekämpft. Er war müde, durchgefroren, völlig entkräftet. Doch er durfte nicht aufgeben. Nicht jetzt, da er dem bösartigen Troll, der sein Dorf dem Erdboden gleichgemacht hatte, und den er seither mit unnachgiebigem Rachedurst verfolgte, so nahe war. Diese Nacht würde...

Genre 6: Historischer Roman
Sein Urgroßvater hatte die Kathedrale vollenden wollen, sein Großvater und auch sein Vater. Keinem von ihnen war es vergönnt gewesen. Doch er, der Sohn der stolzen Baumeister, war noch da, und sein Lebenswerk sollte gleichsam das seiner ganzen Linie zu einem ehrfurchteinflößenden Ende führen. Doch da war auch noch sein anderes Erbe. Die andere Linie. Seine Mutter, die Päpstin.

Genre 7: Horror
„Der Wagen springt nicht mehr an.“ Carlos fluchte. „Wir haben keine Wahl, nicht bei diesem Wetter, wir müssen Schutz suchen in diesem runtergekommenen Haus da hinten.“ Sheila fröstelte. „Ich weiß nicht. Ich weiß einfach nicht. Carlos, bitte, ich fühle mich unwohl, wenn ich das Haus nur ansehe. Weißt Du noch, was die Wahrsagerin auf Coney Island gesagt hat?“ „Ach komm schon Liebes“, sagte Carlos und nahm sie lächelnd in den Arm, „wer glaubt denn schon an diesen Hokuspokus? Pass auf, ich frag nur eben schnell, ob ich mal telefonieren kann.“

Genre 8: Deutscher Literaturpreis
Geraden, die sich kreuzen, und doch ins Unendliche führen. Schnorchel. Uhu. Wes Leid ist grüner? Dein? Mein? Lamento. Mein Name ist Urban, aber ich heiße Bounty. Tütensuppe – Igelbürste --- Indifferenzaspekte! - n´est-ce pas?

10/27/2008

Gespenster Geschichten - Die Rückkehr

Vor zweieinhalb Jahren musste ich leider an dieser Stelle vom Ende der legendären, supertrashigen, pädagogisch und politisch völlig unkorrekten Groschenheftchencomicserie "Gespenster Geschichten" vom Bastei Verlag berichten. Da sich der Bastei-Verlag aber nun scheinbar gänzlich aus dem Comicgeschäft zurückgezogen hat und damit wohl so einige Copyrights freiwurden, sind sie nun, ja wirklich, zurückgekehrt! Die Gespenster Geschichten sind wieder da! Herausgegeben vom Tigerpress Verlag, der unlängst auch versuchte, Fix & Foxi wiederzubeleben. Heute sprang mir das neue Gespenster-Geschichten-Heft am Tankenkiosk entgegen, als ich nach der Bild Süddeutschen suchte. Ich griff natürlich zu. Grund genug für eine Rezension. 

Wie schaut´s denn aus?
Zunächst mal fällt auf, dass das ganze Heftkonzept auf wunderbar sinnlose Weise aktualisiert wurde - d.h. alles wie früher, aber greller und grüner. Das fängt schon beim Cover an - Sonnenbrille auf - bitteschön:
Und hier noch mal zum Vergleich das Original: 

Darüber hinaus sind jetzt auch die Gutters zwischen den Panels knallbunt und es gibt einen unvermeidlichen, lausig recherchierten Magazinteil. Aber das ist ja auch wurscht. Hauptsache, die Geschichten sind wie früher. Und das sind sie - Es sind nämlich dieselben! Genau dieselben. Leidlich umgetextete Nachdrucke, um genau zu sein.

Boah... das ist ja voll schäbig.
Ja, das ist es. Aber hey - die ganze Reihe war schon vom Konzept her schäbig, das macht(e) ja gerade ihren Charme aus. Und da die Geschichten sich sowieso inhaltlich immer nur wiederholten, konnte man sich schon damals eh nie ganz sicher sein, ob man die vorliegende Story nicht schon mal gelesen hatte. 

Und wie sind die Stories so?
Gott sei Dank haben sich durch das Konzept des Nachdruckens auch all die ultimativ-trashigen, unpädagogischen, grenzdebilen Inhalte, Dialogzeilen und Versatzstücke gehalten, die die Heftchen schon damals zum Kult machten. Ungebrochen rufen die Männer "Meiner Treu" und "Arrrgh", die Frauen "Ich werde ohnmächtig" und "Jiiiii", und nach wie vor steht am Anfang ein markiger Groschenromantitel und am Ende ein wohligwarme-nostalgisches "Seltsam? Aber so steht es geschrieben...." Das ist Trash As Trash Can, und da dürfen böse Dämonen schon mal Alwin heißen, ahnungslose Vollpfosten auf fast postmoderne Weise bei der Lektüre eines Gruselcomics dahingerafft werden und Männer Dinge sagen wie "Die Frauen sind doch alle gleich... im Grunde ihres Herzens käuflich". Aber das beste ist eigentlich das Hörspiel.

Das Hörspiel? 
Ja, es liegt tatsächlich jeder Ausgabe eine Hörspiel CD bei, und zwar eine extra für das Comic produzierte Reihe namens "Malcolm Max". Darin geht es um einen unerschrockenen Dämonenjäger namens, nun, Malcolm Max, der für einen Geheimbund, nun, Dämonen jagt. Dabei hilft ihm eine umwerfend schöne Halbvampirin namens Charisma, aber da das ein Hörspiel ist, ist das mit dem "umwerfend schön" natürlich Vertrauenssache. Jedenfalls ist dieses Hörspiel so schlecht produziert und von der Geschichte her so absolut, unglaublich und allumfassend dämlich, dass es schon jetzt zu den geilsten Audiobooks gehört, die ich je, nun, gehört habe. 

Kurz gesagt: Absolute Kaufempfehlung. Das alles ist so geschmacklos, billig und verdorben, dass es man es bedenkenlos auch den Kleinsten in die Hand drücken kann. Ich meine - Hat´s mir etwa geschadet?

Ist das ne ernst gemeinte Frage?
Ja. Nee. Egal, jedenfalls: Kaufen und Spaß haben. 

5/11/2008

Völlig bekloppte Songtexte, Folge 1

Der mp3-Adapter ist kaputt, im Radio läuft die übliche Fahrstuhlmusik, und als ich an einer roten Ampel halte, mache ich plötzlich den Fehler, bewusst auf den Text zu achten.

If I had eyes in the back of my head

I would have told you that
You looked good
As I walked away

Echt schwer zu glauben, mit was man auf Englisch so alles durchkommt.

5/01/2008

Ü30

Dieser Tage war ich auf meiner ersten Ü30-Party. Aufmerksame Rechner und längerfristige Leser dieses Blogs werden festgestellt haben, dass ich damit eigentlich schon wieder zu spät dran bin - aber ich habe mich längere Zeit vor diesem Schritt gedrückt. Nun aber war es endlich soweit, und ich schloss mich einigen Kollegen, wenn auch mit gemischen Gefühlen, an. Die Party fand in einer größeren Sporthalle der angrenzenden Ortsgemeinde statt und, um das gleich vorwegzunehmen, es war alles genauso, wie man es sich vorstellt. (Ich nehme an man muss hier nochmal differenzieren zwischen metropolischen Ü30-Parties und solchen in eher dörflichem Kontext, so wie unsere, die von der Burschenschaft "Einigkeit" veranstaltet wurde.) Und trotzdem war es irgendwie gute Unterhaltung. Man steckt halt so drin, und fällt sehr schnell in frühpostpubertäre Verhaltensweisen zurück, allerdings aus anderen Gründen als früher.

Einige Beispiele. Man beginnt sofort nach Betreten der Location, sich von selbiger abgeklärt-ironisch zu distanzieren. Allerdings nicht, wie früher, um zu demonstrieren, dass man nun wirklich cooleres gewohnt ist, sondern um zu zeigen, dass man mehr so zum Spaß hier ist, und nicht etwa weil man sich als Angehöriger der Zielgruppe fühlt. Nicht, dass das stimmen würde, denn man ist ja nicht als Lifestylejournalist vor Ort, sondern als Partygast, der sehr wohl um die alternativen Angebote dieses Abends wußte und dennoch dieses wählte. Ein weiteres Beispiel: Man lehnt sehr lange an der Wand, ohne zu tanzen. Allerdings nicht, wie früher, weil man sich nicht so recht traut loszulegen, sondern, weil es einem schlicht unmöglich ist, zu dem 90er Eurodance Trash auch nur einen Finger zu bewegen, ohne sich sehr, sehr merkwürdig zu fühlen. Und sicherlich auch, weil man mit der gleichen morbide-hypnotischen Faszination, die einen bei Horrorfilm-Metzeleien oder Unfallszenen am Straßenrand nicht wegsehen lässt, die bereits ausgelassen tanzenden Thirtysomethings anstarren muss, die sich spontan zu einstudierten Saturday-Night-Formationstänzen zusammenfinden. Der DJ hat nur ein Gerät und lässt es sich nicht nehmen, nach jedem Track abzubrechen und den nächsten anzumoderieren.

Aber: Das bringt man alles hinter sich, und das Musikproblem behebt sich, wie auf jeder öffentlichen Party, auf magische Weise gegen Mitternacht, in diesem Fall durch ein völlig unvermittelt einsetzendes "Highway To Hell" von AC/DC. Bis dahin hatte man dann auch schon zwei, drei Bier (denn, ebenfalls wie ganz früher, man muss sich ja an was festhalten, während man am Rand steht) und irgendwie hat man plötzlich Spaß. Und ja, es ist wirklich ganz angenehm, nicht von Teenies umgeben zu sein. Und, verdammt noch mal, es war ja nicht alles nur Golden Years, man hatte ja nun wirklich auch Probleme damals. Ja, genau. GENAU! Und ab geht die Luzie. Was sich dann einstellt, kann man nur beschreiben als der "Ballermann-Effekt": Die Freude am Prollen. "Tainted Love", ja super! Meine Begleitung fängt an, irgendwie ironisch zu pogen (T-Rex) und ich bin mittendrin. Gerne. Und auf einmal sind noch drei Stunden rum. Geiler Abend! Wieso? Wayne interessierts! Jetzt wird´s aber langsam Zeit zu geh´n, wird ja schon hell! - Jaaa, stimmt! - Hey lasst uns aber die Tage mal wieder "richtig" weggehn. - Jaaa, aber mit guter Musik *zwinkerzwinker*.

4/29/2008

Consumer Special Ops

Vor vielen (vielen, vielen) Jahren habe ich an einem PoWi-Projekt an meiner Schule teilgenommen. Die Aufgabenstellung war, ein Produkt zu erfinden. Also Marktanalysen durchführen, Kundenbedürfnisse antizipieren und einen bisher nicht dagewesenen Artikel zur Sublimierung ebendieser samt Werbekonzept vorstellen. Meine Idee war damals: "Bier-Chips". Weil die Menschen, so meine Argumentation, sowohl Bier als auch Chips meistens gleichzeitig zu sich nehmen, weshalb durch eine Kombination beider Produkte eine Geld- und Zeitersparnis erreicht werden könne. Sowohl mein Team als auch mein Projektleiter verwarfen die Idee sofort. An den genauen Wortlaut kann ich mich zwar nach all den (vielen, vielen) Jahren nicht mehr erinnern, aber es ging so in Richtung "zu eklig", "völlig geschmacklos", "wer soll DAS denn kaufen" und "da würden nicht mal Amis zugreifen". Heute Mittag nun (viele, viele Jahre später) schlendere ich so durch den Rewe und bleibe vor einem Sonderregal stehen:
IN YOUR FACE!!

Vermutlich bin ich meiner Zeit einfach voraus. Denken Sie an meine Worte, wenn Sie die erste Generation Wholemeal-Smoothies im Frischeregal stehen sehen, Typ Spaghetti Carbonara, Königsberger Klopse und Schnitzel Hawaii.

3/29/2008

Mein neuer Anzug

Seit Jahren habe ich mich in Cordhosen und grenzwertig akzeptablen Sportsakkos auf Familienfesten, Hochzeiten und anderen Festivitäten herumgedrückt. Doch diesmal war es soweit - so konnte es nicht weitergehen - ich brauchte einen Anzug! Grund genug für einen Erlebnisbericht.

Als erstes sollte ich erwähnen, dass ich mich dieser Herausforderung nicht alleine gestellt habe, sondern die wahrscheinlich beste Einkaufsassistentin Deutschlands, Kirstin, um Hilfe bat, die selbige auch großzügig gewährte. Also ging es dann heute los in ein großes mittelhessisches Einkaufszentrum. Zuerst natürlich zu Peek und Cloppenburg. Der dortige Verkäufer/Berater war hochgradig kompetent (auch wenn ich das Gefühl nicht loswerde, dass er mich begrabscht hat) und stellte mich ziemlich schnell vor vollendete Tatsachen: Mein merkwürdiger Körper lässt nur "Baukastensystem" zu. Zuerst habe ich gelernt, dass es Größen für normale und Größen für "Kleinere/Pygmische" gibt, und zwar im 50er und im 20er Bereich. Die Formel dafür lautet "50er : 2", was ich irgendwie diskriminierend finde, aber ich denke mal, als Pygmäe muss man nehmen, was man kriegt. Es kamen mehrere Anzüge für mich in Frage, aber so richtig überzeugend fand ich zunächst keinen. Obwohl der PC-Mann erklärte, die wahrscheinlich beste Auswahl vor Ort zu haben, und jovial hinzufügte: "Unsere Artikel passen für die lustigsten und traurigsten Stunden". Jedenfalls ließ ich mal den Anzug, der mir am ehesten zusagte, zurücklegen und wir zogen weiter. Zu St. Oliver. (Wieso heißt es eigentlich "St. Oliver"? Ist das ein Heiliger? Oder heißt es gar nicht so und ich hab´s mir falsch gemerkt?). Bei St. Oliver gab es einen Verkäufer und eine Verkäuferin. Der Verkäufer hatte ein umgedrehtes Mc-Donalds-M auf dem T-Shirt, unter dem stand: "Masturbate - I´m lovin´ it". Ich entschied mich für die Verkäuferin. Die stand mir auch mit Rat und Tat zur Seite, aber den perfekten Anzug fand natürlich Kirstin. Bloß: Die Hosen.
-"Die müssen gekürzt werden, sind so ´nen Tick zu lang."
-"Machen Sie das hier?
-"Nur wenn Sie eine St-Oliver-Kundenkarte haben."
-"Tuts auch eine von Peek und Cloppenburg?" [Nicht dass ich die hatte.]
-"Nein, leider nicht."
Wir also weiter. Kurz bei Esprit reingeschaut, war aber nix. Nach einigen weiteren Zwischenstationen entschied ich mich dann für den Oliver-Anzug, den ich demnächst dann noch mal kurz zum Schneider bringen muss, wegen den Hosen.

Aber das war ja noch nicht alles. Schuhe mussten her. Wir gingen in einen Schuhladen gegenüber von PC, Fink oder Roland oder irgendsoeiner. Schöne Schuhe waren schnell gefunden, allein, sie passten nicht.
-"Entschuldigung, gibt es diese Schuhe auch breiter?"
-"Das ist schon die "Komfort-Weite", tut mir leid."
Also nicht nur pygmisch, sondern auch noch Klumpfüße. Toll. Schließlich fand sich dann ein Paar, nachdem mir die Verkäuferin optimistisch zusicherte, dass "die Spanner sie ja auch noch weiten würden".

Die Krawatte. Eigentlich habe ich schon eine, eine superpraktische Teflonkrawatte von Tchibo, von der man alles abwaschen kann. Die hatte ich damals gekauft, weil ich eine merkwürdige Neigung habe, Krawatten, die ich trage, unwillkürlich ins Essen zu hängen. Aber die ist dunkelgrau, und da schon der Anzug dunkel war, wollte ich was farbiges. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, mir irgendwas cartooniges zuzulegen. Aber dann dachte ich: "Wenn schon seriös, dann richtig", und zurück ging´s zu PC. Riesenauswahl. Mein Favorit war dann tatsächlich rosa. (Ja, sorry, aber ihr hättet sie sehen sollen. Cooles Teil.) Leider war die von BOSS und sehr teuer, und da ich mich schon mit dem Anzug ziemlich verausgabt hatte, fiel die Wahl auf Krawatte B, No Name mit orangen Streifen. Ich mag orange. Der prozentual höchste Anteil meiner T-Shirts und Pullis ist schließlich orange.

Das Hemd war schnell gefunden, es sollte weiß sein und bügelfrei, also alles in allem nicht so schwer. Etwas verblüfft hat mich, wie eng das Hemd am Hals war, wenn man den obersten Knopf zumacht, aber sowohl Kirstin als auch die sehr sympathische Verkäuferin erklärten mir, dass es OK ist, solange noch ein Finger reinpasst. Um ihre Position zu untermauern, steckte mir die Verkäuferin ihren Finger auch gleich mal in den Kragen.

So fehlten nur noch Gürtel und schwarze Socken, und da ich einen einigermaßen schönen Gürtel für 19,90 fand, ließ ich es dann bei den Socken noch mal richtig krachen und kaufte keinen 3er-Pack, sondern ein einzelnes Paar für wie ich finde etwas zuviel Geld. (Bescheuert eigentlich, schließlich hängt ja die Hose drüber.)

Aber jetzt hab ich einen richtigen Anzug. Und seh aus wie eine Million Dollar! Grund genug für ein Emoticon. :-)

1/27/2008

Gedanken in einer hessischen Wahlkabine

Immer wenn ich wählen gehe freue ich mich ein bisschen auf den Wahlzettel und wer es diesmal so alles drauf geschafft hat. Diesmal ganz großes Tennis bei der Zweitstimmen-Spalte: Die Violetten - die Partei für eine spirituelle Politik. Kurz bin ich versucht, ihnen mein Kreuzchen zu schenken - wär schließlich bestimmt alles superharmonisch in Hessen, wenn ein paar neopaganische Singlefrauen mit Klangschalen und Gaea-Buttons das Ruder übernähmen und gegen stereotypische Vourteile (z.B. ihnen gegenüber) vorgingen. Vielleicht könnten sie sogar durch einen schamanischen Reinigungszauber das Bundesland vom Bösen säubern, das sich gerade, nur sehr unüberzeugend als Mensch getarnt, in Gestalt von Roland Koch anschickt für immer das "C" in "CDU" der Lächerlichkeit preizugeben. Oder sollte ich das Kreuz doch lieber der Piratenpartei geben? Von der kenne ich so gar nichts außer ihrem Internetauftritt, aber der Name ist cool und das Parteiprogramm ist in dreißig Sekunden zu überfliegen und klingt ok. Aber man soll ja keine Miniparteien wählen, das hört man ja allenthalben, jede Proteststimme ist eine Stimme für die Partei die man nicht will. Meine Gedanken schweifen ab... überall hört man das, aber macht das mathematisch Sinn...? Nein, kann ich jetzt nicht durchdenken, die Leute warten ja darauf, dass ich die Wahlkabine wieder frei mache. Also doch eine der großen Parteien. Aber welche. CDU? Ich denke daran, wie Roland Koch mir seit Tagen bei jedem Login auf web.de aus einem Pop-Up entgegengrinst und mich um meine Stimme für seine mutigen Ansichten bittet und mein Magen krampft sich mal wieder zu einer kleinen, wütenden Kugel zusammen. CDU, ja klar. Was dann? SPD? Hm. Meine Gedanken schweifen wieder ab. Das kann doch gar nicht sein, dass noch keiner vom Ypsilanti-Werbeteam auf die Idee gekommen ist, irgendwie einen Gag in Richtung "Yps mit Gimmick" in die Wahlwerbung aufzunehmen! Der Gedanke ist doch so naheliegend! Yps mit Gimmick! Stattdessen: Y-geformter Christbaumschmuck. Bescheuert. Die Schlange vor der Kabine wird länger, ich muss mich wieder auf meine Aufgabe konzentrieren. SPD. Macht das Sinn? Kann ich das verantworten? Manches was diese Frau erzählt (und manches an dieser Frau) geht mir ja ziemlich auf den Zeiger. FDP? Ne, war nur Spaß. Jetzt mal im Ernst: Die Grünen vielleicht? Scheiße, ich hätte mich besser informieren müssen. Über die Grünen weiß ich z.Z. fast nichts, von den Kandidaten ganz zu schweigen. "Scheiße"...Meine Gedanken schweifen ab... könnte noch irgend ne Beleidigung in Fäkalsprache in den NPD-Kreis kritzeln. Ach nee, liest ja von denen keiner und der Zettel wird dann auch ungültig. Ob Roland Koch schon mal bei Doris Zutt einkaufen war? Die Schlange wird länger, ich muss mich wieder auf meine Aufgabe konzentrieren. Die LINKE. Im Prinzip eine Partei netter kleiner Leute, leider blind gegenüber den berechnenden populistischen Realitätsnegierern an der Spitze. Scheidet also aus. Vielleicht... oh -- sechs durch, der Wahllokalhelfer bittet mich, mich zu beeilen. Ich gerate in Panik und mache meine Kreuzchen bei

12/19/2007

Thekla vom Supermarkt

Ich fand die Frau an der Kasse von diesem einen Supermarkt, wo ich nur einkaufe wenn ich wirklich gerade genau daran vorbeikomme, immer schon ein bisschen suspekt. Zunächst mal, weil sie immer da saß. Immer. Gut, das läge als Zufall statistisch gesehen noch im grünen Bereich, schließlich war ich die letzen 2 Jahre vielleicht zehn, zwöf Mal da gewesen. Aber es musste nicht Zufall sein. Suspekt fand ich auch immer schon, dass ich nie an der Kasse vorbeikam, ohne dass sie mich in ein Gespräch verwickelte. Selbst dieses eine Mal, als ich mit 43 Fieber und zähflüssigem Auswurf im Mundwinkel nur schnell irgendwas von Tetesept kaufen wollte. Sie machte das immer auf eine schwer zu beschreibende, hyperaktive Art mit einem schwer zu beschreibenden, irgendwie bedrohlichen Blick. Es war so beim siebten oder achten Einkauf, als ich bemerkte, dass ich ihr einen Namen gegeben hatte. Ich näherte mich so dem Band und dachte dabei: "Ah Thekla ist wieder da." Wieso Thekla? Ich bin nicht ganz sicher, ich glaube aber, dass sie mich an diese Spinne aus Biene Maja erinnerte. Nur ohne Kopftuch und mit weniger Beinen. (Oder was waren das für Ausbuchtungen unter ihrem Kittel? Suspekt, wie gesagt.)

Dieser Tage war ich dann mal wieder da, natürlich sie auch, und während ich meine Sachen aufs Band legte und im Geiste von 3 rückwärts zählte, sagte sie pünktlich zur 0:

Thekla: Heute esse ich bei Ihnen.
Ich [halte inne]: Wieso?
Thekla: Na weil Sie da die "Iglo Schatzkiste" gekauft haben, die find ich so putzig, da steh ich schon den ganzen Tag davor.
Ich: ...naja es sind ja eigentlich nur Fischstäbchen in anderen Formen.
Thekla: Aber so lustige Formen. So putzige Formen! Ein Anker, ein Seestern...
Ich: [murmele irgendwas]
Thekla: Obwohl die ja eigentlich für Kinder gemacht sind. Haben Sie Kinder? Sind Sie verheiratet?
Ich: Uhm...
Thekla: Oder sind Sie Single? Sie haben ja keinen Ring am Finger, ist mir schon letztens aufgefallen.
Ich: Ja... ja bin ich.
Thekla: Ja was denn?
Ich [nervös lachend]: Was Sie sagten. Habs voll eilig grade, tschuldigung. Schönen Tag noch. Bis wieder mal. Tschüssi!

Ich würde jetzt gerne schreiben, dass ich daraufhin losrannte, sie mit einem Geheimknopf die Ausgangstür blockierte, ich mit der Kraft der Panik und meiner Iglu Schatzkiste die Glasscheibe zertrümmerte und gerade noch, blutend, entkam. Auf jeden Fall spielte sich dieses Szenario kurz und erschreckend real in meinem Kopf ab. Aber erstens will ich den Fiction Marker nicht überstrapazieren und zweitens ist es auch so bizarr genug.

12/03/2007

Es trifft mehr als man denkt

Warum spielen die Leute Lotto, wenn der Jackpot eine Rekordmarke erreicht? Das gibt doch überhaupt keinen Sinn. Ich meine, wie soll ich mir das vorstellen: "Pff, 20 Millionen... brauch ich nich´.... hey, 43 Millionen... na gut, dann mach ich mal mit." Und mal ganz davon abgesehen bleiben ja auch noch die ganz gewöhnlichen abschreckend-veranschaulichenden Statistikbremsen: z.B. dass man entlang der Strecke Berlin-Stockholm lauter 1-Euro-Stücke aufreihen könnte und die Chance eines Lottogewinns dann (umgerechnet) darin bestünde, dieselbe Strecke abzufahren und zufällig genau auf der Höhe der richtigen Euro-Münze anzuhalten. Alles in allem sollte doch also eigentlich jeder Depp sehen, dass es wirklich überhaupt keinen Sinn macht, Lotto zu spielen.

Jedenfalls, ich also gestern zur Lotto-Annahmestelle. Musste mir zuerst kurz den Schein erklären lassen, weil ich zuletzt beim Rekordjackpot 2005 in Berlin gespielt hatte (Hey - Berlin, also da war ich ja schon voll nah dran damals). Der Lottomann erklärte mir dann also nochmal kurz die Regeln, die, das muss ich sagen, zumindest mir überraschend kompliziert vorkamen. Er gab mir dann gleich noch ein paar Tips, was ich auf gar keinen Fall machen dürfe, nämlich mein Geburtsdatum nehmen ("Wieso?" - "Na weil das viele Leute machen, aber keiner von denen im vierziger Raum Geburtstag haben kann." - "..." - "Vergessen Sie´s. Einfach keine Geburtsdaten nehmen okay?"), ein Muster tippen oder die Zahlen gleichmäßig auf alle Zehnerreihen verteilen ("Wieso?" - "Weil das alle machen, und wenn diese Zahlen dann gewinnen, gibt es weniger für Sie." - "Aber wenn diese Zahlen dann gewinnen und ich hab Sie nicht getippt, gibt es doch gar nichts für mich." - "Einfach nicht machen, okay?"). Schließlich entschied ich mich dafür, den Computer meinen Schein ausfüllen zu lassen ("QuickTip"), auch wenn der Lottomann, dem ich mich mittlerweile durchaus in einem Schüler-Mentoren-Verhältnis verbunden fühlte, darauf eher missbilligend reagierte. (Ich traute mich nicht zur fragen, warum.)

Als der Lottomann mir den computergenerierten Schein aushändigte, blickte er mir ernst in die Augen und fragte: "Sie wollen doch nicht mit Karte zahlen oder? Weil das geht hier nicht." Wollte ich nicht. "Weil gerade letzten Samstag, vielleicht haben Sie´s ja gehört, da wollte in [Nachbarort] einer einen Schein kaufen, hatte kein Bargeld und der Schein wurde storniert. Später kam dann raus, dass seine Zahlen die Gewinnzahlen waren. Nicht ganz alle, aber 90.000 Euro hätte er gewonnen." Er beugte sich vor. "90.000, man stell sich´s nur vor. Schlimme Sache, das." Mit einem Kloß im Hals verließ ich die Annahmestelle und klammerte meinen Schein fest an mich.

10/15/2007

Minou

Die Radiomoderatorin mit der erotischsten Stimme ist zweifellos Minou von Hr3. Vielleicht wird sie auch Minu geschrieben. Aber Minou sieht irgendwie besser aus, so französisch. Wie Minou - also jetzt die Moderatorin, nicht die Buchstabenfolge - tatsächlich aussieht, weiß ich nicht. Unlängst sagte mir jemand, dass es auf der Homepage des Senders eine Sektion mit Fotos aller Moderatoren gebe, aber ich habe sie mir nicht angesehen. Irgendwie hatte ich die Befürchtung, dass das alles kaputt machen würde. Bzw. dass Minou, sähe sie wirklich so aus, wie ich sie beim Autofahren oder beim Duschen (Radio im Bad) vor mir sehe, nicht beim Radio arbeiten würde. Dieser Tage habe ich mal mit ihr telefoniert in einer ihrer Sendungen angerufen. Es war die Kuschelrockschiene, bei der man sich Lieder wünschen kann, ziemlich spät abends, und ich hatte Lust "Unintended" von Muse zu hören, konnte es aber nicht finden. (Ist das übrigens nur bei mir so, dass sich Audiodateien auf dem Rechner von Zeit zu Zeit scheinbar eigenständig vernichten, wenn man sie länger nicht öffnet, oder ist das eine kollektive Wahrnehmung?) Also rief ich bei Minou an. Off air, während ein anderes Lied lief. Sie klang übers Telefon noch besser, irgendwie so angenehm rauchig und doch nicht verkratzt, mit diesem ganz leichten Lispel-Einschlag.
Minou: Hi, hier ist Minou von Hr3! Was kann ich für dich tun, mein Lieber?
Ich: Ich möchte mir ein Lied wünschen, Minou. "Unintended" von Muse.
Minou: Heyyyy, gute Wahl! Und wen möchtest du damit grüßen, mein Lieber?
Ich: Ich möchte damit eigentlich niemanden grüßen, ich hatte nur Lust das zu hören und find´s grad nicht.
Minou: ...wie jetzt?
Ich: Uhm, also ich würde es gerne hören und dachte, ich wünsch es mir einfach im Radio.
Minou: ... ach so ... ja mein Lieber, ich schau mal ob ich das hier so schnell finde, ja? Wenn ich es nicht so bis halb 11 gespielt hab, hab ich´s leider nicht so schnell gefunden. Mach´s gut mein Lieber!
Sie hat es nicht gespielt.

10/10/2007

Talkshow

Ein fiktiver Einakter.

Die Gästeliste:
- eine abgehalfterte Showmasterin, nennen wir sie Margarethe
- ein mittellustiger Komiker, nennen wir ihn Mario
- eine einstmals erfolgreiche Schauspielerin, nennen wir sie Senta
- eine ziemlich blonde Ex-Moderatorin und Autorin, nennen wir sie Eva
- ein total lieber und korrekter Gastgeber, nennen wir ihn Johannes

Johannes: Liebe Eva, Sie waren ja zuletzt im Urlaub. Wie war´s denn?
Eva: Sehr schön! Wir waren in Österreich.
Margarethe: *keuch* Wie? Österreich? Wie können Sie denn "Österreich" sagen? Das ist heute nicht mehr tragbar!
Johannes: Sagen wir... in einer Alpenrepublik. Wie war es denn?
Eva: Sehr schön, danke. Auf der Rückfahrt standen wir leider lange im Stau, weil die Autobahn gesperrt war.
Senta: *keuch*: Also ich bin schockiert, wie hier einfach von Autobahnen geredet wird. Haben wir denn nichts gelernt?
Eva: Nein...ja... ich meine... also ich find die jetzt nur in dem Urlaubskontext gut...
Mario: Als könnte man das eine vom anderen trennen. Ich bin fassungslos.
Johannes: Eva, möchten Sie diese ihre Äußerung wirklich so stehen lassen?
Eva: Wie... aber... nein, hören Sie, was ich meinte ist...
Senta: Das ist uns schon klar, was sie meinten. Das ist ja unerträglich.
Eva: Nein... wenn Sie sich mal kurz konzentrieren und mich ausreden lassen würden...
Margarethe: *doppelkeuch* Konzentration? Konzentration??? Mein GOTT... Sind sie wahnsinnig? Das ist ja unfassbar!! Ich bin einfach nur entsetzt.
Senta: Ich verlange, dass diese Frau das Studio verlässt oder ich --
Mararethe: --wir--
Senta: --gehen.
Johannes: Eva, Du hast gezeigt, wie Du denkst... das ist dein gutes Recht... aber ich kann dir so kein Forum bieten.
Eva: Aber... mein Buch... ich habe doch noch gar nicht über mein Buch...
Johannes (zum Publikum, strahlend): Ich entscheide mich für meine anderen Gäste und verabschiede mich von Eva.
(Tosender Applaus.)
 
Terror Alert Level