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3/21/2011

Was wirklich zählt

Die Katastrophe von Japan ist anderthalb Wochen her. Abertausende sind tot. Vier Reaktorkammern pendeln noch immer zwischen SuperGAU und Last Minute Wunder. Kein Mensch weiß, wie viel Radioaktivität längst in die Umwelt gelangt ist und was diese anrichten wird.

Aber die Aufmerksamkeitsspanne der Deutschen ist mit knapp anderthalb Wochen nun mal überschritten.

Oder auch mit einer Woche.

Denn seit genau drei Tagen hat Deutschlands Scheißleitmedium wieder einen neuen Scheißtitelaufmacher, der in geringfügiger Variation heute zum dritten Mal in Folge auf der Scheißtitelseite prangt.


1/23/2011

Lucy 4

Letzte Woche war ich wieder im Autohaus, um meinen alten Wagen abzugeben und den neuen entgegenzunehmen. Ich fühlte mich etwa zu gleichen Teilen traurig wie vorfreudig, als ich die Ausstellungshalle betrat, an die sich rechts das Büro des Verkäufers anschloss, der tatsächlich Messias hieß. In der Mitte der Präsentationsfläche befand sich ein durch ein riesiges rotes Samttuch verhüllter unbekannter Wagen. "Da hat´s wohl mal wieder einer nötig", dachte ich und freute mich kurz, dass man beim Kauf kleiner Sparautos wenigstens nicht so einen nervigen Verkaufsnippes mitmachen musste. Meinen Justy konnte ich nicht ausmachen, vermutlich parkten sie diese Preisklasse gleich draußen im Schnee.

Im Büro klärten wir kurz die Formalia, wobei der Messias erneut eine unglaubliche Professionalität bewies, als er angesichts der Tatsache, dass ich Fahrzeugbrief und Fahrzeugschein nicht dabei hatte, fast gar nicht genervt guckte und freundlich blieb. Auf mein Versprechen, ihm das ganze Zeug noch zuzusenden, würde ich aber den neuen Wagen trotzdem schon mitnehmen dürfen, erklärte er großzügig, und so führte er mich wieder zurück in die Ausstellungshalle. Wir blieben vor dem mit rotem Samt abgedeckten Wagen stehen. Für einen kurzen Moment war ich absolut sicher, dass der Messias einen Witz machen wollte, und bedauerlicherweise war dieser Moment lang genug um mich sagen zu lassen: "Die Nummer machen Sie jetzt nicht wirklich oder? Das is´ jetzt´n Witz ne? Sie sind so lustig." Verwirrt sortierte sich der Messias einige Sekundenbruchteile und erwiderte dann mit großer Würde: "Doch. Das machen wir so beim Kauf eines Neuwagens." Dann ließ er mit einer ein ganz klein bisschen verunglückten, schwungvollen Bewegung das Samttuch theatralisch in die Höhe schnellen, wo es einen Augenblick verharrte und dann zu Boden stürzte. Wir blickten uns kurz schweigend an. Dann kickte der Verkäufer das Tuch wortlos mit einem Fuß zur Seite, drehte sich geschäftig zu dem Wagen um, öffnete mir die Tür und sagte: "So und jetzt machen wir noch ein Foto von Ihnen und Ihrem neuen Wagen, das wir Ihnen dann in wenigen Tagen als Tasse zuschicken."

Der Abschied von Lucy 3 fiel mir wie erwartet sehr schwer. Als ich vom Gelände fuhr, konnte ich spüren, wie sie mir aus ihren anthropomorphisierten Scheinwerferaugen traurig und enttäuscht nachblickte, aber ich sah nicht zurück.

Natürlich habe ich auch meinen neuen Justy wieder Lucy genannt. Obwohl ich diesmal wirklich kurz gezögert habe. Es gibt ja wirklich Namen, die besser zu "Justy" bzw "Justin" passen. Zum Beispiel "Schantal". Oder "Schackeline".

12/23/2010

Päckchenwatch und Capgras

Obwohl ich mich diesmal wirklich frühzeitig gekümmert habe wegen Weihnachtsgeschenken, wird auch diesen Heiligmorgen das passieren, was seit etwa vier Jahren traditionell immer passiert: Ich verbringe den ganzen Vormittag in der Küche und warte darauf dass es klingelt und der DHL-Mann das eine Päckchen bringt, das noch fehlt. Was er bisher in zwei von vier Fällen tat. Es bleibt also spannend. Es gibt aber Grund zum Optimismus, habe ich doch eben gelesen, dass die Post dieses Jahr am 24. Dezember „4000 zusätzliche Paketengel“ aufbietet, die der Masse an Paketsendungen Herr werden sollen. Cool fänd ich ja, wenn sie den Paketengeln auch so gelbe Engelsflügel ankleben, aber viel Hoffnung hab ich da nicht.

Letzte Woche habe ich von einer abgefahrenen, seltenen - aber nicht extrem seltenen - Krankheit gelesen, dem Capgras-Syndrom. Das Capgras-Syndrom ist eine psychiatrische Krankheit, die sich - und das ist das faszinierende - fast variationslos in der immer selben Wahnvorstellung äußert und dabei doch ganz materialistisch einer beschädigten Gehirnregion zuzuschreiben ist. Erkrankte erliegen der Überzeugung, dass ihnen nahestehende Menschen durch Doppelgänger ersetzt wurden. Keine Ahnung, keine Vermutung - eines Tages wissen sie es einfach.

Wie jede gute Wahnvorstellung lebt auch die durch Capgras ausgelöste davon, dass sie nicht logisch widerlegbar ist. Ich meine, wer kann schon wissen dass der Mensch, der da nebenan aufwacht, der oder dieselbe ist, mit der man abends eingeschlafen ist? Wer kann schon beweisen, dass der nette Kollege, der heute die Brötchenbestellung zum ersten Mal seit drei Jahren falsch zusammengestellt hat, wirklich der nette Kollege ist, der noch gestern die korrekte Anzahl von Sesambrötchen, Mohnsternen und Zimtwuppies in der Tüte hatte? Wer kann schon zweifelsfrei feststellen, dass die Eltern, die einen am ersten Weihnachtsfeiertag strahlend begrüßen, dieselben sind, die einem noch drei Wochen zuvor die Hölle heiß gemacht hatten, weil man immer noch keine Winterreifen aufgezogen hatte.

Und irgendwie... je länger ich drüber nachdenke... hatte man nicht eh immer schon so eine Ahnung.... hatten sich zuletzt nicht auffällig viele Leute auffällig stark verändert?

Besser nicht weiter drüber nachdenken. Interessant aber, wie dieses Thema auch in Unkenntnis des Syndroms offensichtlich im kollektiven Unterbewusstsein verankert ist - wobei ich postuliere, dass man den Grad der Verankerung eines Konzepts im kollektiven Unterbewusstsein anhand der Anzahl von dessen Inszenierungen in Kunst und Popkultur messen kann. Man schaue sich zB nur mal Don Siegels Klassiker "Die Dämonischen" an, in der Menschen von außerirdischen Bohnen verschlungen und durch willenlose Duplikate ersetzt werden. Oder die wahrscheinlich beste aller 37 He-Man Kasetten, in der He-Man entführt und durch Skeletors He-Man-Roboter "Faker" ersetzt wird. (Was für eine coole Folge!) Oder die Geschehnisse nach Supermans Tod, als er von gleich vier Doppelgängern beerbt wurde, die Böses im Schilde führten (aber alle einer tragischen Fehleinschätzung der Marketingstrategie des DC Verlags erlagen, die zur Auferstehung Supermans nur wenige Wochen später dank kryptonischer Regenerationsmatrix führte). Oder einfach irgendwas von Kafka.

Das Syndrom schlägt plötzlich zu, es gibt keine längere Phase sich aufbauenden Misstrauens. Wenn Sie also eines Tages das Gefühl haben, dass der DHL-Mann, der da klingelt, gar nicht der DHL-Mann ist, der gestern geklingelt hat - nicht gleich schießen. Vielleicht ist das alles nur in ihrem Kopf. (Es sei denn, es ist einer von den "Paketengeln". Ich denke, dann ist schießen OK.)

9/11/2010

Unvermeidbar: Sarazzin oder Ecce Homo

Obwohl man den Namen Thilo Sarazzin im Moment a) nicht mehr hören kann und man b) solche in letzter Konsequenz substanzlosen Medienhypes nicht noch weiter befeuern sollte, ist mir in den Artikeln, die – zumindest – ich dazu gelesen habe, aufgefallen, dass doch zwei recht interessante Aspekte darin nicht behandelt werden. Und das, obwohl man aus diesen zwei Aspekten eine interessante, wenn auch recht misanthropische Schlussfolgerung ziehen kann.

Da ist zum einen die Tatsache, dass Sarazzins Buch bei Erscheinen ein anderes Buch von Platz #1 der Bestsellerliste verdrängt hat, welches sich im Grunde mit der selben Thematik beschäftigt: Kirsten Heises „Das Ende der Geduld“, das ich zufällig sogar gerade gelesen habe, und das sich ungleich konstruktiver, bei gleicher Direktheit und Offenheit, mit der Integrationsproblematik auseinandersetzt.

Und zum anderen, dass Sarazzin vor nicht all zu langer Zeit noch Schlagzeilen machte (und gerade von den Jubelpersern, die ihn jetzt unreflektiert zum Helden stilisieren, dafür gehasst wurde), indem er sich für eine starke Reduzierung der Arbeitslosenunterstützung stark machte, und postulierte, man könne von 4 Euro am Tag prima leben.

Was sagt uns das.

Im Grunde doch nur eins:

Der Pöbel (und hierbei seien alle Akademiker herzlich eingeschlossen) ist nur zu gerne bereit, einen konstruktiven Diskurs zugunsten wirrer Eugenik-Argumentationen aufzugeben, solange er dafür nur endlich mal wieder so richtig schön hassen kann.

Er ist nicht ansatzweise an konstruktiven Lösungsvorschlägen interessiert, solange er dafür nur endlich mal wieder so richtig schön hassen kann.

Er ist nur zu gerne bereit, zu vergessen, dass man ihm gerade noch auf zynischste Weise das Notwendigste absprechen wollte; solange er dafür nur endlich mal wieder so richtig schön hassen kann.

Damit tritt hinter dem Bedürfnis, endlich mal wieder großflächig dissen zu können, so ziemlich jedes andere Bedürfnis zurück. Und man kann es sich sogar mittels der alten "Man-muss-mal-sagen-dürfen"-Rhetorik schönreden.

8/26/2010

Die Vögel

Meine neue Wohnung hat ziemlich große Fenster, die jetzt so ziemlich den ganzen Sommer lang Tag und Nacht offen standen. Ich mag die frische Luft und direkten Kontakt nach draußen, und die paar Insekten mehr im Haus machen mir nichts aus. (Angst habe ich nur vor diesen wirklich dicken, pelzigen Spinnen, die meine ehemalige Vermieterin mir oft in Abwesenheit in die Wohnung setzte, aber damit ist es ja nun vorbei, und von selbst finden die mich hier nicht.) Dafür habe ich seit einer Woche ganz andere Besucher.

Mehrmals bin ich jetzt bereits in die Wohnung gekommen und habe Kohlmeisen dabei erwischt wie sie auf meinem Küchentisch die Krümel aufpickten oder im Wohnzimmer auf der Couch herumhüpften. Gestern hat mir zum ersten Mal eine in die Spüle gekackt.

Das ganze hat eigentlich weniger was von Disney und mehr was von Hitchcock. Ich könnte die Fenster natürlich einfach schließen, aber das will ich irgendwie nicht, so lange noch etwas Sommer ist.

Oder besser gesagt, ich rede mir ein dass ich das nicht will. In Wahrheit habe ich einfach Angst, was die Kohlmeisen wohl machen würden, wenn sie jemand wütend macht.

7/31/2010

Crash

Vorgestern

Super Urlaub, easy auf der Autobahn unterwegs und FLASH. Zu schnell. Viel zu schnell. Leider auf der deutschen Autobahn. Geblendet vom Licht (Ein stationärer Blitzer! Ich Volldepp!) blicke ich auf die Tachonadel, und die bewegt sich gerade in dem magischen Grenzbereich, in dem die Entscheidung fällt, ob man einfach nur zahlen muss oder doch einen Monat lang die Kollegen um Mitfahrgelegenheiten wird anschnorren müssen. Diese Entscheidung wird also erst der Brief bringen. Wütend und gefrustet fahre ich weiter bis ans Ziel, verärgert über mich selbst, wütend über den Psychoterror, die rechte Fahrspur nicht mehr verlassend.

Was für eine Ungerechtigkeit! Was für ein schlechtes Karma!

Gestern

Wieder auf der Autobahn. Immer noch verärgert, einen Ticken mehr über mich selbst und einen Ticken weniger über den Psychoterror. Dem Konditionierungsgedanken der Direct-Response-Theorie entsprechend langsamer und vorsichtiger. Plötzlich bremst der Wagen vor mir abrupt ab (und der reptilische Hirnteil nimmt irgendwie auch wahr, dass der Wagen vor dem Wagen vor mir der Auslöser ist) und ich steige reflexartig in die Eisen. Die Reifen quietschen, der Wagen schlingert, ich fange ihn ein. Entschleunigt von 100 auf 30 blicke ich reflexartig in den Rückspiegel. Der Wagen, der auf mich zurast, bremst nicht, oder jetzt doch, aber zu spät, es wird krachen (und der reptilische Hirnteil nimmt irgendwie auch war, dass die Fahrerin tatsächlich am Handy hängt). Sie bremst, sie schlingert, umkrallt das Lenkrad (wo ist das Handy?) und es kracht doch nicht, zumindest nicht auf mich, dafür auf die Betonplanke. Der Wagen prallt vom Beton ab, gerät auf den Mittelstreifen, rammt einen anderen Wagen (ich sollte nach vorne blicken nicht nach hinten) und der schert aus, auf den linken Streifen, knallt seitlich ins Heck eines weiteren Wagens (das kann nicht gutgehen, was wenn), der auf den Seitenstreifen gedrückt wird und zum Stehen kommt. Der erste Wagen schrammt zurück an die Betonplanke und bleibt stehen, der mittlere Wagen (noch Platz vor mir, wieso hat sich der Abstand nicht verringert, war das jetzt echt nur eine Sekunde?) fährt/schleudert quer über alle drei Streifen, rammt niemanden, fängt sich, fährt auf den Seitenstreifen. Ich setze den Blinker und folge. Ich weiß nicht, wieso, vielleicht kann ich ja helfen oder zumindest nachsehen (Ich will runter von der Fahrbahn). Der Verkehr läuft weiter. Es war wirklich nur eine Sekunde. Die Wagen vor mir haben es vielleicht gar nicht realisiert. Die Wagen, die jetzt durchfahren, fahren merklich langsamer; es gibt was zu sehen. Ich steige aus, der Fahrer des Wagens, der hinter mir zum Stehen gekommen ist und links und rechts zersägt ist, ebenso. Erstaunlich weit weg stehen die beiden anderen Fahrzeuge. Eins qualmt. Ich spreche kurz mit dem sichtlich mitgenommenen Fahrer des Wagens und seiner auffallend hübschen Begleiterin. Biete an, noch mit ihnen auf die Polizei zu warten, falls sie irgendwie einen Zeugen für die Versicherung brauchen oder so. Er nimmt dankend an, obwohl uns glaub ich beiden klar ist, dass das eigentlich überflüssig ist; aber so kann man runterkommen durch Unterhalten während der Wartezeit. Als ich schließlich wieder einsteige, wird mir klar, dass ich nicht angeschnallt war.

Was für ein Glück! Was für ein gutes Karma!

7/03/2010

Nachlese

Aufgrund der krassen Hitze traute ich mich heute anlässlich des Deutschlandspiels nicht in größere, schlimmstenfalls schattenlose Menschenmengen und schaffte es, fernsehanschlusslos wie ich bin, gerade noch so, bei Bekannten privat im Wohnzimmer unterzukommen. Das hatte den angenehmen Nebeneffekt (also neben der Ventilatorkühle, dem unbegrenzten Becks-Vorrat und der stets freien Toilette), dass ich endlich einmal dem Fernsehkommentator lauschen konnte. Bela nämlich ist heute zu Höchstformen aufgelaufen, inspiriert durch das extremst erfolgreiche Spiel der deutschen Mannschaft und die ständigen, gnadenlosen Close-Ups der Regie auf Diego und seinen Rosenkranz. Die beiden genialsten O-Töne seien hier kurz wiedergegeben für alle, die von grölenden Menschenmassen umgeben waren:

Diego Maradona kennt keine Grautöne, außer in seinem Bart.

Mit seinem Anzug sieht Diego Armando Maradona aus wie ein Rinderbaron.

Lohnt sich eben doch, so ein Kommentar. Aber irgendwie ist das ja auch ein negatives Aufflammen nationalistisch geprägter Ressentiments, siehe auch den BILD-Aufmacher "Wir hauen Messi auf die Fressi" oder die Schweinsteiger-Äußerungen im Vorfeld, welche im krassen Widerspruch zu den vor Spielbeginn verlesenen Kapitäns-Statements zur Völkerverständigung stehen. Ich meine, bloß weil man erst die Ex-Knackis, dann die Klippenpisser (danke Patrick!) und schließlich die Viehtreiber weggepustet hat, muss man doch nicht gleich wieder so auf die Kacke hauen.

Ansonsten muss hier endlich mal berichtet werden, dass meine Möbel schließlich doch noch eingetroffen sind. Das ist zwar bereits wieder ein paar Tage her, aber nachdem ich hier die Vorgeschichte so episch ausgebreitet hatte, sei diese kleine Coda erlaubt. Überhaupt habe ich mit der Lieferdauer scheinbar noch ziemliches Glück gehabt, wie ich von einigen relativ zeitgleich umziehenden Bekannten (oder solchen, die einfach aus ihrem Erfahrungsschatz heraus plauderten) erfahren habe. Offenbar sind Lieferzeiten von bis zu drei Monaten bei vernünftigen Möbelhäusern, also solchen, die noch über individuelle Möbel verfügen, völlig normal. Bei mir war es ja dann doch nicht mal ein ganzer Monat. Dafür lebe ich jetzt in einem IKEA Showroom. Wobei in einem solchen sicherlich nicht die verschiedenen Inkarnationen von Superman, inklusive dem bösen Superboy Prime von Erde-2, als Actionfiguren in der Vitrine Detolf stehen. Wie Tyler Durden sagte: "You are not your Swedish furniture!".

Kurz eingehen möchte ich hier noch auf den Erwerb meines neuen Kühlschranks, das einzige Einrichtungsstück, dass nicht von IKEA stammt. Nachdem der mir versprochene Kühlschrank meines Vormieters von einer parallelen Dimension verschlungen worden und schließlich durch einen spatialen Riss in der Raumzeit wieder im Keller als Biervorratsschrank materialisiert war, stand ich quasi ohne Joghurt und Wagner-Pizza da. Auf der Suche nach einem neuen Exemplar fand ich aber nur Kühlschränke, die entweder sehr viel kosteten, oder den Energieverbrauch einer Ölbohrstation aufbrachten, oder einfach Schrott waren. ("Nein, das ist nur ein Eiswürfelfach, kein Kühlfach, wieso, planen Sie denn größere Mengen einzufrieren?"). Doch einer stand da bei SATURN, der war so wunderschön, so strahlend, so weiß, und sein Kühlschranklicht leuchtete in allen Primärfarben. (Dass das Kühlschranklicht beim Schließen der Tür verlischt, ist übrigens die letzte große Lüge, mit der die Rothschilds uns indoktriniert haben.) Ebendieser Kühlschrank prangerte gleichzeitig vorne auf einem PROMARKT Flyer für 100 Tacken weniger als Lockangebot zur Neueröffnung (und war natürlich Nanosekunden nach Ladeneröffnung nicht mehr vorrätig gewesen). Hier kam die Magie des SATURN Preismarketings ins Spiel - die Tiefpreisgarantie. Ich zückte also den Flyer und forderte den Kühlschrank zum Konkurrenzpreis. Der SATURN Mitarbeiter zögerte und sagte dann, er müsse erst nachfragen. Er verschwand und kehrte kurze Zeit später mit einem Kollegen zurück. Dieser ließ sich mein Anliegen nochmals schildern (obwohl er es auf dem Weg rüber von der TV Abteilung sicherlich schon von seinem Kollegen gehört hatte) und erklärte dann nach kurzer Überlegung tatsächlich: "Also da muss ich erst nachfragen." Er schloss noch an, dass er erst seit einigen Tagen hier arbeite und nichts falsch machen wolle. Beide verschwanden erneut in den Gängen zwischen Haushaltsgeräten und Espressomaschinen und kehrten schließlich, diesmal in Begleitung einer weiblichen Angestellten, zurück. Erneut musste ich mein Anliegen vortragen, die SATURN Leute wechselten einige Blicke - es war diese Form wortloser Kommunikation wie zwischen Maradona und dem eigentlichen Trainer der argentinischen Nationalmannschaft - und schließlich sagte die Frau beinahe widerwillig: "Ja wenn das so ist, dann ist das so, dann machen wir das." Und nach einigem Papierkram konnte ich das Teil dann einpacken. Ich war im Nachhinein doch etwas überrascht, wie knauserig sich ein Unternehmen, das im Falle eines WM Sieges tausende von LED Fernsehern verschenkt, wegen solchen Peanuts anstellen konnte. Was mir ebenfalls im Gedächtnis blieb, war der Name des Mitarbeiters #2 - Marco Müll - und der Gedanke an die grauenhaften Qualen, die er in den großen Pausen während der Mittelstufe durchlebt haben mochte.

Um wirklich guten Gewissens den Wahres-Tag unter diesen Artikel setzen zu können, müsste hier eigentlich noch erwähnt werden, dass diese scheinbar so einfache Einkaufsaktion mehrere Hin-und-Herfahrten zwischen PROMARKT und SATURN sowie einen vorübergehenden Verlust all meiner Schlüssel auf einer PROMARKT Informationstheke involvierte, aber das würde den Rahmen wohl sprengen.

6/28/2010

Practical Angel

Vor zwei Wochen bekam ich, nur tragische anderthalb Kilometer von zu Hause entfernt, einen Platten. Zum Glück hatte ich, und das wird alle die mich kennen überraschen, ein Ersatzrad im Kofferraum. Nachdem selbiges montiert war, nahm ich mir vor, gleich am nächsten Tag ein neues Ersatzrad zu besorgen. Jedoch, und das wird alle die mich kennen kein bisschen überraschen, vergaß ich das gleich wieder.

Heute Morgen dann ist mir auf der Autobahn ein weiterer Reifen geplatzt. (Ehrlich gesagt ist er nicht geplatzt, sondern während der Fahrt langsam eingeplättet, was am Steuerverhalten des Wagens, retrospektiv betrachtet, schon vor der Autobahnauffahrt zu spüren war - aber wer wäre so hummeldumm, trotzdem aufzufahren? Keiner. Also sagen wir mal, er ist plötzlich geplatzt.)

Da stand ich also auf dem Seitenstreifen und hatte kein Ersatzrad dabei. Zum Glück, und das wird alle die mich kennen überraschen, hatte ich ein Warndreieck dabei, um die Pannenstelle abzusichern. Leider, und das wird alle die mich kennen kein bisschen überraschen, hatte ich kein Handy dabei.

Langsam dämmerte mir, in was für eine Situation ich mich da gebracht hatte. Kein Ersatzrad, kein Handy. Auf der Autobahn hält niemand an. Nachvollziehbarerweise.

Also trottete ich los, den Seitenstreifen entlang, mit permanent ausgestrecktem Anhalter-Daumen, aber natürlich bretterten sie alle vorbei. Ich überlegte, wie viele Kilometer ich wohl von der nächsten Ortschaft entfernt sein mochte; ob man mich an meiner Arbeitsstelle wohl schon vermissen würde; und dann, ein Gedanke der sich gemein und hinterrücks in mein Bewusstsein schlängelte, dass ich wohl gerade zu einem dieser mysteriösen Phantomidioten geworden war, die im Radio täglich die Verursacher der allseits bekannten "Auf-der-A-x-befinden-sich-Personen-auf-der-Fahrbahn"-Meldungen sind. Die, bei denen man sich immer fragt, "Was für Vollpfosten sind das eigentlich, die da auf der Autobahn rumrennen".

Und dann das Unglaubliche. Ein alter weißer Nissan Micra setzt den Blinker, entschleunigt, und fährt auf den Seitenstreifen. So fühlt sich ehrliche Dankbarkeit an. Die Fahrerin war eine unglaublich freundliche, auf die 50 zugehende Dame. Man merkte ihr an, dass sie angespannt war, dass dieser Stopp auf der Autobahn etwas mehr als unvorhergesehenes für sie war, etwas, dass sie ein klein bisschen verängstigte, sie verunsicherte, etwas, dass sie lieber nicht getan hätte. Doch nichts davon ließ sie mich spüren; es war ihr ganz offensichtlich ein solches Bedürfnis gewesen, zu helfen, dass sie ihre Bedenken ignoriert und angehalten hatte.

Mit ihrem Handy konnte ich meine Arbeitsstelle und den ADAC-Mann rufen, er kam binnen Minuten. Auch für ihn war ich dankbar, aber nicht ansatzweise so dankbar wie für die Fahrerin des weißen Micras, die ich nicht einmal nach ihrem Namen gefragt hatte und die längst wieder hinter der Kuppe der Autobahn verschwunden war. Ich würde sie im Radio grüßen, aber ich bin mir beinahe sicher, dass sie kein Radio hört.

6/16/2010

Tikiesque

In einer Wohnung ohne Möbel zu leben, hat viele Vorteile. Ich finde beispielsweise zur Zeit große Gefallen daran, wie...
- meine Surroundanlage, obwohl nur die billigste Variante der Teufel-Soundsystem-Line, plötzlich wirklich wie im Kino klingt
- ein Feuerzeug nicht *snik* sondern *FUMP* macht
- ich mich der Illusion hingeben kann, ich hätte die Tiki-Küstenmacher-Philosophie für mich wirksam gemacht
- ich endlich eine Ausrede dafür habe, nichts zu finden
- ich den Boden als neue und größte Arbeits- und Ablagefläche entdeckt habe, die jeder Schreibtischauflage spottet
- ich überall kleine rote Kerzen hinstellen und so tun kann als lebte ich in einem Stone Temple Pilots Video
- ich gedanklich jeden Tag zu einer neuen Begrüßung für den IKEA Spediteur inspiriert werde (zB "Godot! Endlich!"), aus denen ich kleine Rankings erstellen kann
- die Wohnung lächerlich groß wirkt

Daraus hätte ich eigentlich eine gute Liste der Woche machen können.

6/11/2010

IKEA hassen und lieben und wieder hassen lernen

Ich hasse IKEA. Das ist immer schon so gewesen, seit meinem ersten Besuch anlässlich meiner ersten WG-Bude, als ich einfach nur einen dieser superbilligen Tische kaufen wollte und mich dazu für einen Samstag entschied - voller Gedränge, knuddeligen designierten Familien und Kevin-möchte-aus-dem-Kinderparadies-abgeholt-werden-Durchsagen. Dementsprechend schob ich den Besuch anlässlich meines erneuten Umzugs möglichst lange vor mir her.

Aber irgendwann musste es eben sein, also stürzte ich vor einigen Tagen schließlich wieder rein in den Schwedenladen, der, wie man hört, mittlerweile fast ausschließlich in China produzieren lässt. Doch diesmal war alles anders. Es war Mittwoch Abend, IKEA praktisch verwaist, ich hatte eine unglaublich entspannte und kompetente Einkaufsberaterin aus meinem Freundeskreis rekrutiert, fand auf Anhieb alles, was ich brauchte, und zog am Ende des Besuchs mein Fazit - IKEA ist schon cool.

Dann aber beging ich den entscheidenden Fehler: Ich war bzgl. eines Möbels (Finden Sie eigentlich auch, dass das Wort "Möbel" über eine inhärente Komik verfügt oder ist das wieder nur in meinem Kopf?) unsicher, und beschloss, nochmal wieder zu kommen und erst dann die Großbestellung aufzugeben. Ich wollte eh liefern lassen, hatte den Einkaufszettel soweit fertig, und mutmaßte, dass der zweite Besuch eine noch entspanntere Blitzvisite werden würde.

Natürlich kam es anders. Für den zweiten Besuch wählte ich - die Mechanismen des IKEA-Horrors noch nicht durchschauend - das Wochenende und fuhr alleine. Im dichtest-denkbaren Gedränge brauchte ich sodann trotz Liste etwa 90 Minuten, um mich einmal durchschleusen zu lassen - nur um dann, beim allerletzten Artikel der Liste, festzustellen, dass ich ebendiese Liste irgendwo liegengelassen hatte und auch nicht mehr finden konnte. Also das ganze von vorn - diesmal dauerte es etwas länger, da mein Gedächtnis erste stressbedingte Aussetzer aufwies.

Nachdem ich also gut drei Stunden nach meiner Ankunft endlich die Kasse passiert hatte, mit einer Transportliste voll schwedischer Möbel in der Tasche und einem fertig montierten Ausstellungsstück auf dem Wagen, die Ohren taub von Kevin-Durchsagen, stellte ich mich am Transportschalter an. Dort wartete ich etwa eine dreiviertel Stunde (während der eine Durchsage ertönte, die eine Kundin aufforderte, zum Infoschalter zu kommen, da ihre verlorene Einkaufsliste gefunden worden sei, was mir für einen Moment der Schwäche die Tränen in die Augen trieb). Als ich dann endlich dran war, informierte mich die Schalterkraft, dass montierte Stücke nicht transportiert werden könnten. Entnervt wollte ich die Scheißkommode "Hemnes" zurückgeben, jedoch - kein Rückgaberecht für Ausstellungsstücke.

Hemnes war zu groß für meinen Wagen. Natürlich nur um wenige Zentimeter, aber eben zu groß. Mir blieb also nichts anderes übrig als das Teil vor Ort in seine Einzelteile zu zerlegen. Nun ist Handwerkliches nicht eben meine Stärke, und so ging eine weitere knappe Stunde drauf, an deren Ende ich mir in der Schalterhalle eine treue Fanbase erarbeitet hatte, die mit guten Ratschlägen und offensichtlicher Belustigung nicht geizte.

Schließlich, nach einem halben Tag, kam ich zu Hause an. Das sollte es jetzt aber gewesen sein; die Möbel (tihi... "Möbel"... haha) würden geliefert werden und die Sache wäre erledigt. (Die Tatsache, dass ich zu Hause bemerkte, dass ich irgendwie die Rückwand von Hemnes hatte bei IKEA liegen lassen, will ich hier nicht weiter ausführen.)

Am Tag des Liefertermins klingelte dann das Telefon. Der IKEA-Spediteur war dran, er wirkte professionell untröstlich und informierte mich, dass die Lieferung heute nicht stattfinden könne - man sei in einen Unfall geraten und der Kollege läge gar im Krankenhaus. Einen neuen Termin könne man nicht geben, ich solle die IKEA Hotline anrufen.

Das Menü der IKEA Hotline ist das nervenzerfetzendste, das ich jemals erlebt habe. Ich brauchte zwanzig Minuten um den Weg zu einem menschlichen Wesen zu finden - eine Mission, die nicht eben erleichtert wurde durch den penetranten schwedischen Akzent der Computerstimme. Entsprechend geladen machte ich mir dann schließlich bei dem Mitarbeiter Luft, der versprach, sich sofort drum zu kümmern und mich zurückzurufen. Nichts geschah. Eine Stunde später rief ich wieder an, kämpfte mich wie Hänsel und Gretel den Brotkrumen entlang in rekordverdächtigen fünf Minuten durchs Menü und hatte diesmal eine weibliche Mitarbeiterin an der Strippe. Nach einigen Angaben meinerseits rief sie den Bericht des ersten Gesprächs an ihrem Rechner auf, wobei sie, wie manche Leute das eben tun, das, was sie las, leise mitmurmelte: "Kunde aufgebracht wegen gescheiterter Lieferung... braucht die Möbel zum Wochenende... {unverständlich} ... die übliche Eskalation..." - "Die übliche Eskalation??" warf ich eine Spur zu scharf ein. Die Mitarbeiterin zögerte kurz und erwiderte dann: "Äh, was? Äh nein... nein... ich lese nur gerade... äh... also der Kollege hat hier jedenfalls kein Rückrufprotokoll eingeloggt. Bestimmt ein Fehler, entschuldigen Sie bitte", sagte sie in dem Tonfall, in dem eine Pflegerin einen randalierenden Psychotiker zu beruhigen versuchen würde. Ich war kurz davor "Ich will meine Möbel" oder etwas vergleichbar hysterisch-lächerliches zu schreien, vielleicht sogar ein grenzdebiles "Oder das wird Folgen haben", jedoch kam sie mir zuvor und erklärte, sie werde sich sofort darum kümmern und mich zurückrufen. Sie ließ sich meine Festnetznummer geben und meine Handynummer und rief nie mehr zurück.

Heute schließlich meldete sich ein weiterer IKEA Mitarbeiter bei mir und nannte mir den neuen Liefertermin. In einer Woche.

Im Grunde ist es jetzt aber auch egal, denn ich habe mein Bananenkisten-System mittlerweile perfektioniert. Eigentlich überlege ich sogar, ob ich die Möbel überhaupt noch brauche. OK, ein Bett wär schon schön.


4/17/2010

Endlich wieder wie 15 fühlen mit Media Markt

Heute wollte ich mir bei Media Markt einen Film ab 18 kaufen (keine dummen Sprüche jetzt) und hatte an der Kasse ein ausgesprochen sonderbares Erlebnis. Ich legte die DVD hin, beantwortete die übliche Frage, ob man meine PLZ erfahren dürfe, mit dem üblichen "Nö", und wollte gerade schon die Geldkarte zücken, als die Verkäuferin plötzlich innehielt und sagte: "Die kann ich Ihnen aber so nicht verkaufen, da muss ich erst Ihren Ausweis sehen." Ich zögerte kurz, es war dieser typische Moment, in dem ein unbekanntes Gegenüber etwas Merkwürdiges tut, und man aufgrund erwähnter Unbekanntheit nicht einschätzen kann, ob es sich um einen Scherz handelt oder um eine Verhaltensauffälligkeit. (Ich glaube, Fremde erleben das umgekehrt mit mir ziemlich häufig, was immer das bedeutet.) Ein Blick auf die nicht unbeträchtlich lange Schlange hinter mir ließ mich aber an den humorigen Absichten der Kassiererin zweifeln, zumal ihr unverbindliches Lächeln mittlerweile in eine maskenhafte Starre gekippt war, wie man sie häufig bei Bräuten während des Händeschüttelns nach der Eheschließung beobachten kann, oder bei meiner Vermieterin, wenn sie mal wieder jemanden bei Vollmond in ihrem Ziergarten unter den Holzflamingos verscharrt. Nur um sicher zu gehen, fragte ich die Kassiererin, ob das ein Witz sein solle, was sie verneinte. "Aber Sie können doch unglaublich denken dass ich noch nicht 18 bin", fragte ich ungläubig. "Darum geht es nicht", antwortete sie, "es ist eine Vorschrift."

Nun hatte ich leider tatsächlich keinen Ausweis bei mir, um die Frau zu überzeugen, dass sie sich um anderthalb Dekaden vertan hatte, wollte aber wirklich gerne diese DVD haben. Also fragte ich nach dem Geschäftsführer. Ich hatte bereits für mich ausgemacht, dass die arme Kassiererin einfach ein klein bisschen total einen an der Waffel hatte und spekulierte schon auf einen kleinen Gutschein für die Umstände oder so. Der Geschäftsführer kam. Ich schilderte ihm das Geschehen, und wurde schon in der gleichen Sekunde misstrauisch, weil dieser kein bisschen überrascht wirkte. Er erklärte mir dann, dass sich die Kassiererin völlig korrekt verhalten habe und man bei Media Markt schon seit längerem bei jedem Artikel mit Altersbeschränkung einen Ausweis vorlegen und die Ausweisnummer notieren lassen müsse, völlig unabhängig vom realen Alter, und sei dieses noch so offensichtlich. Wort- und warenlos verließ ich die Filiale. War ich da in die Versteckte Kamera reingeraten? Wurde sowas heute überhaupt noch produziert? (Und was machen Paola und Kurt Felix eigentlich heute?)

Zurück daheim gab ich dann mal "Media Markt" und "Ausweis" in die Suchmaschine ein, und tatsächlich - das Netz brummte vor Beschwerden über vergleichbare Vorfälle deutschlandweit. Was ist da eigentlich vorgefallen bei Media Markt? Ist das ein landesweites Psychoexperiment? Ist die Konzernleitung der Saturn/Media passiv-aggressiv veranlagt? Hat Daniel St. einen völlig unerwarteten Sprung auf der Karriereleiter gemacht? Oder wird mir das demnächst auch bei Rewe passieren, wenn ich einen Sixpack kaufen will?

4/05/2010

Niemand ist eine Insel

Die Serie „24“, die mittlerweile in der achte Season läuft, und die ich immer noch gerne sehe, zeigte bereits in der dritten Staffel Abnutzungserscheinungen, eine gewisse Redundanz, die ahnen ließ, dass der Faktor des Genialen sich langsam verflüchtigte. Und so kam es ja dann auch. Für mich war das, so dachte ich, die letzte Serie, die ich mit wirklicher Hingabe verfolgt hatte. Zum einen, weil ich nicht wusste, was danach noch wirklich neues kommen sollte, zum anderen, weil ich langsam aber sicher in einen Lebensabschnitt geschliddert war, in dem die kultische Rezeption einer Fernsehserie, als fester Lebensprogrammpunkt samt Forenbelagerung, stundenlangen Diskussionen und Voicemails an Fanpodcasts ein zeitlicher Luxus war, den man angesichts seiner inhärenten Zweckfreiheit nur schwer vor sich selbst rechtfertigen konnte.

Aber dann kam LOST, die Serie mit der Insel. Eigentlich kam Lost schon zwei Jahre früher, aber ich stieß, DVD sei Dank, erst zeitverzögert hinzu, so zum Ende der zweiten Season. Mittlerweile läuft die sechste und letzte.

Über die Serie selbst brauche ich hier glaube ich nichts zu schreiben, denn ein zwangloses Dazustoßen ist mittlerweile eh vollkommen unmöglich. Wer nicht von Anfang an dabei war, ist angesichts der unfassbar vertrackten Storyline chancenlos. Was mit einigen Flugschiffbrüchigen auf einer Südseeinsel mit Eisbären begann, ist mittlerweile ein Epic voller Geheimnisse, dessen Erzählstruktur sich strahlenförmig in Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und sogar alternative Realitäten ausbreitet. Eine Geschichte, die im Grunde der Versuch ist, auf einer Metaebene dem Prinzip „Geheimnis“ selbst Gestalt zu verleihen. Ein bis dato nicht da gewesenes, kongenial durchplantes, literarisches multimediales Experiment.

Aber jetzt schreibe ich ja doch über die Serie. Und hab schon wieder Schaum vorm Mund. OK genug jetzt.

Im Moment läuft also die letzte Season. Noch 7 Folgen sind übrig. Ich konnte nicht anders und hab sie in dieses iTunes Abo gleich nach US-Ausstrahlung geholt. Noch sieben Folgen. Ich werde nervös. Versuche meinen Redebedarf sinnvoll zu kanalisieren. Denn trotz des Versprechens eines der Produzenten während der Sommerpause, geäußert in einem Interview auf der San Diego Comic Con, dass man „nun keine Fragen mehr aufwerfen“ würde und stattdessen „die finalen Antworten liefern“ würde, gibt es bis jetzt nur – neue Fragen. Immer wenn man eine Ahnung entwickelt, wenn man plötzlich das Gefühl hat, die Puzzleteile fügen sich zusammen, geschieht etwas, das alles wieder ad absudrum führt. Die Foren laufen heiß. Die beiden Lost-Fan-Podcasts, die ich im Abo habe, haben ihre durchschnittliche wöchentliche Laufzeit verdoppelt. Der wahrscheinlich gesündere Otto-Normal-Zuschauer ist längst genervt ausgestiegen. Ich denke in den unmöglichsten realweltlichen Situationen über die Geschehnisse in einer TV Serie nach – also wirklich in allen Situationen. Besorgte Fragen, ob dieses Verhalten der Grenzüberschreitung ins Pathologische nicht bedenklich nahe kommt, werden nervös lachend beiseite gewischt.

Werden sie wirklich alle Rätsel auflösen? Haben sie wirklich einen Plan? Wie wollen sie in sieben Folgen diesen unfassbaren, multilinearen Rattenkönig von Erzählsträngen vorwärts und rückwärst durch die Multiple-Welten-Theorie und alle Weltreligionen noch auflösen? Und was ist eigentlich mit den Eisbären?

Es ist nur eine Fernsehserie. Es ist nur eine Fernsehserie. Es ist nur eine....

PS: Zumindest eine Erkenntnis: Scheiß auf Lebensabschnitte. Ich werde immer ein Fanboy sein. Andere töpfern.

3/11/2010

Die dreibeinigen Herrscher und das Unbehagen einer Generation

Das Unbehagen in der Generation hat, wie ich heute herausfand, vielleicht ganz banale Ursachen. Heute habe ich mich mit zwei Kollegen über eine kleine Macke von mir unterhalten, einen Zustand, mit dem ich mich bis dato alleine wähnte, den aber, wie sich herausstellte, beide Kollegen mit mir teilen. Und nicht nur die; auch weitere, sich spontan einklinkende Zuhörer berichteten über ähnliche Erlebnisse. Worüber ich hier eigentlich rede, ist folgender Effekt: Ein plötzlich einsetzendes, unerklärliches und unangenehmes Gefühl von Unbehagen, manchmal sogar einer schwach-bedrohlichen Präsenz, welches mich seit jeher überkommt beim Anblick von - Windrädern.

Einen vergleichbaren, wenn auch in seiner Intensität abfallenden Effekt haben auch Strommasten, vor allem in der Kolonie,


sowie alle Arten von größeren, alleinstehenden artifiziellen Konstrukten am Horizont.


Ich hatte diesen Effekt längst zu den Akten gelegt als lediglich weiteren Hinweis, dass ich im Grunde übelst einen an der Klatsche habe, und war dementsprechend verblüfft, dass praktisch alle Anwesenden von vergleichbaren Eindrücken berichteten. Doch einer war dabei, der hatte sich nach eigenen Angaben schon mit dieser Thematik beschäftigt und eine einleuchtende Erklärung gefunden:

Der beschriebene Effekt sei ein typischerweise bei Angehörigen der Generation Golf und Generation Kassettenkind anzutreffender Zustand, und dabei nichts geringeres als ein schwaches posttraumatisches Stresssymptom, denn er ließe sich zurückführen auf Verarbeitungsdefizite bei der Rezeption der britischen 80er-Sci-Fi-Serie "Die dreibeinigen Herrscher", die ja tatsächlich so ungefähr jedes Kind dieser Ära begeistert verfolgt hat, es sei denn, die Eltern hatten aus ideologischen Gründen den Fernseher verschrottet.

Diese noch heute legendäre (und unlängst endlich auf DVD erschienene) Serie schilderte nicht nur eine spannende Story, sondern sie erschuf etwas, zumindest für deutsche Kinder dieser Zeit, völlig neues: eine fesselnde Grundstimmung, ein permanentes, bedrohliches Hintergrundrauschen, das sich immer wieder in Gestalt riesiger, dreibeiniger Metallungetüme manifestierte, die allwissend und allsehend am Horizont auftauchten und die kleinen Zuschauer zusammen mit ihren Helden frösteln ließen.



Diese Serie habe, so mein Kollege, einen tiefen Eindruck bei den ihr schutzlos und begeistert ausgelieferten Zuschauern hinterlassen, die bis dato im Kinder-TV nicht schlimmeres zu sehen bekommen hatten als den armen Gockel aus Uhlenbusch, der allwöchentlich unter die Räder kam. Einen Eindruck, der noch heute spür- und empirisch messbar sei. Er habe sogar gelesen, dass es Forschungen dazu gegeben habe. (Natürlich konnte er sich nicht erinnern, wo er das gelesen hatte, wer die Forscher waren, oder wer zum Teufel das wieder finanziert hatte.)

Aber einleuchten tat mir das schon, und auch die anderen Umstehenden waren schnell überzeugt. Das Gefühl war tatsächlich das selbe. Man bräuchte jetzt Kontrollgruppen, eine aus Kindern der Pepe Nietnagel- und eine aus Kindern der Hero Turtles Generation.

3/07/2010

Rorschach

Letzte Woche hatte sich endlich mal wieder Besuch angemeldet und zwar in Form einer guten Freundin aus Unitagen, aus der Kategorie „Man-sieht-sich-viel-zu-selten-seit-das-wahre-Leben-begonnen-hat“. Wie man schon aus dieser Schubladenkategorie herauslesen kann, verbindet uns nicht nur gegenseitige Sympathie und eine recht bewegte Vergangenheit, sondern auch das Hadern mit dem Erwachsenwerden und eine allgemeine Altersmelancholie. Was in unserem Alter natürlich verdammt prätentiös ist.

Jedenfalls beschloss ich im Vorfeld, die Wohnung noch ein bisschen auf Vordermann zu bringen, und weil es ein ungewöhnlicher Besuch war, hieß das nicht nur Wäsche vom Boden auflesen und Geschirr spülen, sondern – ja was eigentlich? Irgendwas gemütliches fehlt noch, dachte ich. Kurz darauf kam mir beim Einkaufen die Idee: Allenthalben ragten Sonderposten mit Ostersüßkram in die Höhe, das hieß doch, dass es wieder diese coolen Marzipaneier mit Kaffee- und Orangegeschmack gab. Von denen konnte ich ja ein paar auf den Tisch hauen, ich jedenfalls mag sie gern.

Und überhaupt, mein Marzipanproblem. Was für geile Sachen da wieder rumlagen in meinem Plus Netto. Diesmal gab es nicht nur Marzipaneier, sondern auch Marzipanfrüchte. Also diese coolen Marzipanklötze in Fruchtform, die beispielsweise aussehen wie eine Möbelhausbanane oder eine Möbelhausbirne. Ein Hase und ein Marienkäfer waren auch dabei. Die würden sich bestimmt auch gut machen, dachte ich einem Marzipanflash erliegend, und packte sie ebenfalls in meinen Wagen den umsichtig von den letzten vier Schachteln befreiten Haferflockenkarton aus der Nährmittelzeile.

Zu Hause breitete ich die Marzipaneier und die Marzipanfrüchte, und -hasen und –marienkäfer auf dem Tisch aus. Der Marienkäfer sah merkwürdig aus mit seiner zu runden Form und den irgendwie abgewetzten schwarzen Punkten, die mitunter nur noch kleine dunkelrote Erhebungen in der Textur waren. Der Marienkäfer sah gar nicht aus wie ein Marienkäfer. Er sah aus wie ein roter Arsch mit Pickeln.

Wenig später kam mein Besuch und ein entspannter Nachtmittag/Abend begann. Als sich eine kurze Gesprächspause ergab, blickte sie auf einen Marzipanmarienkäfer, drehte für einen Moment gedankenverloren den Kaffeebecher Zentimeter vor ihren Lippen und sagte dann: „Diese Dinger sehen eigentlich gar nicht aus wie Marienkäfer.“

„Stimmt,“ lachte ich.

„Eigentlich“, fuhr sie fort, „sehen sie mehr aus wie Äpfel.“

„Öh...“

„Wie ein schöner roter Apfel, wie der Apfel bei Schneewittchen und die sieben Zwerge, nur dass er auf beiden Seiten so rot ist, und nicht nur auf der vergifteten.“

„Genau,“ sagte ich, „ja, wie... wie bei Schneewittchen und die sieben Zwerge... dachte ich auch.“

2/20/2009

Nachlese

Seit gestern rollen ja wieder mal die Tollen Tage über uns hinweg, woran ich auf etwas seltsame Art und Weise erinnert wurde, als ich diesen Donnerstag Nachmittag in der Stadt einer Gruppe von fünf Frauen begegnete, die sich sichtlich angeheitert, quiekend und prustend vor mir aufbauten und mir vorwarfen, keinen Schlips zu tragen. Nun wohne ich nicht eben in einer Karnevalsmetropole (und abgesehen davon auch nicht eben in einer Metropole), weshalb ich doch etwas unvorbereitet auf diese Begegnung war. Die wasserstoffblonde Anführerin baute sich vor mir auf: "Das ist ganz schön gefährlich, was Du hier machst, wenn frau keinen Schlips findet, schneidet sie dir nachher noch ganz was anderes ab!" dünstete mir entgegen und ich fragte mich, ob die fünf Mädels sich darüber klar waren, dass sie irgendwie so ein Gefühl latenter Bedrohung ausstrahlten. Aber zum Glück kam ein Typ mit Krawatte vorbei und sie vergaßen mich so schnell wie ich auf ihren Radar geraten war. Ich überlegte später, dass es ja im Prinzip keine Möglichkeit gibt, in solchen Fällen sicher zu sein, dass man es wirklich mit Karnevalsfunkenmariechen zu tun hat und nicht mit besessenen Psychokillerinnen, die, die Gunst der Stunde nutzend, aus der Geschlossenen ausgerissen sind, um ihre Kastrationsfantasien auszuleben. Die Amerikaner haben diese Angst als kulturelles Phänomen ja bereits erkannt und in diverse Filme kanalisiert, in denen sich zu Halloween echte Killer und Monster unter die als Killer und Monster verkleideten Kids mischen, um mal so richtig einen auf blutige Ernte zu machen. In Deutschland hatten wir so einen Film meines Wissens bisher noch nicht, vielleicht wird es also Zeit mal ein Drehbuch zu verfassen, in dem es um den Blutrausch einer außer Kontrolle geratenen mittelständischen Chefsekretärin an Altweiberfasching geht. 

Wobei ich seit einigen Jahren ja tendenziell - tendenziell! - eher Karnevals- bzw Faschingsfreund bin. Der geneigte Leser kennt das ja, wenn man nicht gerade in Köln oder Mainz wohnt, kann man in diesen Tagen im Prinzip nirgendwo hingehen, ohne den folgenden Satz zu hören: "Also ich finde Fasching/Karneval ja echt voll daneben. Dieser Zwang, nur wegen eines Datums jetzt auf Kommando fröhlich zu sein. Da kann ich wirklich nichts mit anfangen." Ich denke dann immer, OK, das ist zwar nicht originell, aber sicherlich richtig. Bloß: All die Leute, die sowas sagen, haben ja die letzten zwei Dekaden damit verbracht, nur wegen eines Datums jetzt auf Kommando missmutig zu sein. Nur so aus Protest. Ohne darin jetzt ´nen Interessenkonflikt zu sehen. 

Marginal passend zur Jahreszeit habe ich kürzlich eine interessante CD entdeckt, als ich in der Audiobook, sorry, Hörspiel Ecke von Saturn nach der neuen Drei Fragezeichen Folge suchte. Was ich dabei entdeckte, war die erste Folge einer neuen Hörspielserie von einem Label namens (Achtung!) "Folgenreich". Es handelte sich dabei offenbar um eine Art satirische Hommage an die geilen Horrorhörspielcasetten der 80er, die man immer irgendwie an den Eltern vorbeigeschmuggelt und dann abends bei Taschenlampe auf dem Monocasettenrecorder gehört hatte - Macabros, Larry Brent, Dämonenjäger Dorian Hunter und all so was. (Wer jetzt überhaupt nicht weiß, wovon ich rede, sollte sich zumindest dringend mal die absolut unsterblichen und nach 20 Jahren immer noch bei amazon erhältlichen Europa-Hörspiele "Macabros Folge 3 - Konga der Menschenfrosch" oder "Larry Brent Folge 1 - Die Angst erwacht im Gruselschloss" besorgen. Sind die geil!) Diese neue CD sprang mir also ins Auge, weil sie den grundgenialen Titel "Jack Slaughter - Tochter des Lichts" trug.  Es geht, wie üblich, um einen Typ, der eines Tages erfährt, dass er der Nachfahre einer langen Ahnenreihe von Kämpfern gegen das Böse ist, und, nun mit diversen magischen Superwaffen ausgerüstet, den Kampf mit allerlei bösartigen Kreaturen aufnimmt. Nur dass in diesem Fall ein Missgeschick passiert ist, und besagter Jack Slaughter aus irgendeinem Grund als Kerl auf die Welt kam, und nicht, wie alle seine Wiccavorfahrinnen, als Buffy-Summers-mäßige Bikinischönheit. Die Geister seiner Vorfahrinnen, die "die Neue" traditionell einweisen, haben dafür wenig Verständnis, reden ihn konsequent nur mit "Jackie" an und sparen auch nicht mit Schminktipps. Der dadurch unfassbar gefrustete Jack stürzt sich trotzdem in die Schlacht gegen das Böse und versucht verzweifelt seine Würde zu bewahren, wenn er die von Vorfahrin zu Vorfahrin weitergereichte Superwaffe, eine verzauberte Barbiepuppe, zückt und die magische Formel spricht: "HILF MIR, PONYTAIL, ICH BIN DIE TOCHTER DES LICHTS!" 

A pro pos Töchter des Lichts, letzte Woche war ich abends bei zwei Kollegen, um ein paar Bierchen zu zischen und Germany´s Next Topmodel zu schauen. Völlig untypischerweise war ich trotzdem mit dem Auto unterwegs und bin abends auch mit selbigem nach Hause gefahren. Was natürlich bescheuert war, ich weiß. Tatsächlich fuhr ich dann, ich konnte es selbst kaum glauben, direkt in eine Routinepolizeikontrolle. Es war wirklich irgendwie surreal, ich dachte nur so - das kann noch nicht sein, ausgerechnet heute, das kann doch nicht SEIN usw. Der grenzwertig freundliche Wachtmeister fragte mich nach meinen Papieren und ob ich etwas getrunken hätte, was ich nicht ganz wahrheitsgetreu verneinte. "Sie riechen aber nach Alkohol. Steigen Sie bitte mal aus." Es war einer dieser Momente, wo alle Coolness einfach so hinten rausströmt und dich als panisches, kümmerliches und irgendwie würdeloses Häufchen Elend zurücklässt. Ich sah meinen Führerschein bereits auf unbestimmte Zeit davonfliegen und stieg schicksalsergeben aus. Machte die Blasröhrchennummer ohne weitere Kinkerlitzchen mit. Spielte im Hinterkopf schon all diese lächerlichen, auf Halbwissen beruhenden Handlungsmöglichkeiten á là "Ich verlange einen Bluttest" etc. durch. Der Polizist schaute lange auf das Digitaldisplay des Testgeräts, schaute auf mich, wieder aufs Gerät, und sagte dann: "0,0 Promille. OK, Sie sind sauber." Die Information brauchte ein paar gefühlte Sekunden, um zu sacken, aber scheinbar antwortete ich ohne Zeitverzögerung und relativ unbeteiligt "Ja klar, sag ich doch", und versuchte dann, trotz völlig abgesacktem Blutdruck, ganz lässig zu meinem Auto zu schlendern, einzusteigen und ab dafür. Keine Ahnung, ob das Gerät kaputt war oder was. Aber den Atemaufsatz, den ich scheinbar unbewusst schnell einsackte, trag ich bis auf weiteres in meiner Jackentasche. 

12/28/2008

Die Bahn

Einer der großen Vorteile, mit dem Studentenleben abgeschlossen zu haben, ist, dass man nicht mehr zwingend auf die Bahn angewiesen ist. So bekam ich vorgestern fast ein nostalgisches Gefühl, als das Hosenkonzert anstand und wir beschlossen, doch einfach mit der Bahn hinzufahren, weil die Hosen so freundlich waren, ihrem Konzertticket ein valides RMV-Ticket beizufügen, das einen auch noch direkt vor die Haustür der Festhalle brachte. Also nahmen wir den Zug.

Die Hinfahrt verlief wunderbar. Aber auf der Rückfahrt wurde ich mal wieder schmerzlich daran erinnert, warum ich Bahnfahren hasse. (Nein, der Zug war pünktlich, warum fragen Sie?) Wir stiegen in den letzten Zug aus Frankfurt und bekamen sogar Sitzplätze. Aber wie es die Viererabteile in voll besetzten Zügen so mit sich bringen, kann man nicht immer ganz unter sich bleiben. Neben mir zum Beispiel saß Marc (möglicherweise auch Mark). Marc war Punk, 15 oder 16, und redete ohne Unterlass. Nicht mit mir oder sonst wem, der bei uns saß, sondern mit seinen Punkkollegen, die sich im Gang drängelten. Denn Marc war mit seiner Clique auf dem Weg nach Berlin, das Wochenendticket nützen.

Im Grunde hörte Marc keiner zu, was insofern problematisch war, dass er einfach lauter und lauter redete - und ich leider zwischen ihm und seinen Adressaten saß. Hatte ich beim Konzert kein Problem gehabt, drohte mir nun ein akuter Tinitus. Aber man will ja nicht immer motzen, also mental die Ohren zugeklappt und versucht, einfach nicht zuzuhören.

Leider waren weder Marc noch seine Kollegen besonders helle. Genau genommen, wären sie noch dümmer gewesen, man hätte sie gießen müssen. Versuchen Sie mal, wegzuhören, wenn ihr Nachbar lautstark jeden Gedanken an rationales Denken durch den Fleischwolf dreht. Gut, alles nicht schlimm. Bis einer von Marcs Kollegen ihm dann doch Aufmerksamkeit widmete und sich vom Gang reinbeugte, um mit Marc irgendwas über die Vorteile von Mayonaise auf Toastbrot auszudiskutieren. Der Kollege kletterte auf die Lehne meines Stuhls, Speichel und ein ziemlich übler Geruch schlugen mir entgegen, und Marc und sein Kollege schrien sich an, während mir die Nieten der Jacke von Marcs Kollegen an der Backe scheuerten.

Ich schubste Marcs Kollegen zurück in den Gang und warnte ihn, sich nochmal über mich zu beugen. Sowohl Marc als auch sein Kollege reagierten relativ eingeschüchtert, jedoch verständnislos.

Dann musste Marc aufs Klo. Nachdem er das lautstark geäußert hatte, schloss er seine Bedenken an, dass es in dem Abteil kein Klo gäbe. Bevor ich ihm widersprechen konnte, monologisierte Marc eine Idee: Er hätte ja ne halb volle Bierflasche in der Hand, die möglicherweise Platz genug böte. "Will vorher noch jemand trinken?" Marc stand auf und begann an seinem Reißverschluss zu nesteln. Ich packte ihn an seiner Jacke und zog ihn zurück in seinen Sitz. Ich klärte ihn darüber auf, was ich mit ihm tun würde, wenn er jetzt in seine Flasche pisst. Völlig verständnislos ließ Marc immerhin von seinem Vorhaben ab und beschloss, bei der nächsten Station schnell mal zur Tür raus zu pinkeln. Die nächste Station kam, Marc ging zur Zugtür. Es klappte nicht. Völlig entnervt kam Marc zurück, eine Hand in seiner schmutziggrauen Unterhose. "Das war viel zu kurz ey! Jetzt muss ich ihn zuhalten bis zur nächsten Station. Woah ey, das presst!" Ich schloss die Augen und ging an meinen Happy Place.

Die nächste Station war unsere. Ich stand noch vor Marc auf. Als wir den Bahnhof verließen, konnte ich nicht anders als zu denken: "Jetzt ist es passiert. Ich gehöre zum Establishment."

5/11/2008

Völlig bekloppte Songtexte, Folge 1

Der mp3-Adapter ist kaputt, im Radio läuft die übliche Fahrstuhlmusik, und als ich an einer roten Ampel halte, mache ich plötzlich den Fehler, bewusst auf den Text zu achten.

If I had eyes in the back of my head

I would have told you that
You looked good
As I walked away

Echt schwer zu glauben, mit was man auf Englisch so alles durchkommt.

5/01/2008

Ü30

Dieser Tage war ich auf meiner ersten Ü30-Party. Aufmerksame Rechner und längerfristige Leser dieses Blogs werden festgestellt haben, dass ich damit eigentlich schon wieder zu spät dran bin - aber ich habe mich längere Zeit vor diesem Schritt gedrückt. Nun aber war es endlich soweit, und ich schloss mich einigen Kollegen, wenn auch mit gemischen Gefühlen, an. Die Party fand in einer größeren Sporthalle der angrenzenden Ortsgemeinde statt und, um das gleich vorwegzunehmen, es war alles genauso, wie man es sich vorstellt. (Ich nehme an man muss hier nochmal differenzieren zwischen metropolischen Ü30-Parties und solchen in eher dörflichem Kontext, so wie unsere, die von der Burschenschaft "Einigkeit" veranstaltet wurde.) Und trotzdem war es irgendwie gute Unterhaltung. Man steckt halt so drin, und fällt sehr schnell in frühpostpubertäre Verhaltensweisen zurück, allerdings aus anderen Gründen als früher.

Einige Beispiele. Man beginnt sofort nach Betreten der Location, sich von selbiger abgeklärt-ironisch zu distanzieren. Allerdings nicht, wie früher, um zu demonstrieren, dass man nun wirklich cooleres gewohnt ist, sondern um zu zeigen, dass man mehr so zum Spaß hier ist, und nicht etwa weil man sich als Angehöriger der Zielgruppe fühlt. Nicht, dass das stimmen würde, denn man ist ja nicht als Lifestylejournalist vor Ort, sondern als Partygast, der sehr wohl um die alternativen Angebote dieses Abends wußte und dennoch dieses wählte. Ein weiteres Beispiel: Man lehnt sehr lange an der Wand, ohne zu tanzen. Allerdings nicht, wie früher, weil man sich nicht so recht traut loszulegen, sondern, weil es einem schlicht unmöglich ist, zu dem 90er Eurodance Trash auch nur einen Finger zu bewegen, ohne sich sehr, sehr merkwürdig zu fühlen. Und sicherlich auch, weil man mit der gleichen morbide-hypnotischen Faszination, die einen bei Horrorfilm-Metzeleien oder Unfallszenen am Straßenrand nicht wegsehen lässt, die bereits ausgelassen tanzenden Thirtysomethings anstarren muss, die sich spontan zu einstudierten Saturday-Night-Formationstänzen zusammenfinden. Der DJ hat nur ein Gerät und lässt es sich nicht nehmen, nach jedem Track abzubrechen und den nächsten anzumoderieren.

Aber: Das bringt man alles hinter sich, und das Musikproblem behebt sich, wie auf jeder öffentlichen Party, auf magische Weise gegen Mitternacht, in diesem Fall durch ein völlig unvermittelt einsetzendes "Highway To Hell" von AC/DC. Bis dahin hatte man dann auch schon zwei, drei Bier (denn, ebenfalls wie ganz früher, man muss sich ja an was festhalten, während man am Rand steht) und irgendwie hat man plötzlich Spaß. Und ja, es ist wirklich ganz angenehm, nicht von Teenies umgeben zu sein. Und, verdammt noch mal, es war ja nicht alles nur Golden Years, man hatte ja nun wirklich auch Probleme damals. Ja, genau. GENAU! Und ab geht die Luzie. Was sich dann einstellt, kann man nur beschreiben als der "Ballermann-Effekt": Die Freude am Prollen. "Tainted Love", ja super! Meine Begleitung fängt an, irgendwie ironisch zu pogen (T-Rex) und ich bin mittendrin. Gerne. Und auf einmal sind noch drei Stunden rum. Geiler Abend! Wieso? Wayne interessierts! Jetzt wird´s aber langsam Zeit zu geh´n, wird ja schon hell! - Jaaa, stimmt! - Hey lasst uns aber die Tage mal wieder "richtig" weggehn. - Jaaa, aber mit guter Musik *zwinkerzwinker*.

4/29/2008

Consumer Special Ops

Vor vielen (vielen, vielen) Jahren habe ich an einem PoWi-Projekt an meiner Schule teilgenommen. Die Aufgabenstellung war, ein Produkt zu erfinden. Also Marktanalysen durchführen, Kundenbedürfnisse antizipieren und einen bisher nicht dagewesenen Artikel zur Sublimierung ebendieser samt Werbekonzept vorstellen. Meine Idee war damals: "Bier-Chips". Weil die Menschen, so meine Argumentation, sowohl Bier als auch Chips meistens gleichzeitig zu sich nehmen, weshalb durch eine Kombination beider Produkte eine Geld- und Zeitersparnis erreicht werden könne. Sowohl mein Team als auch mein Projektleiter verwarfen die Idee sofort. An den genauen Wortlaut kann ich mich zwar nach all den (vielen, vielen) Jahren nicht mehr erinnern, aber es ging so in Richtung "zu eklig", "völlig geschmacklos", "wer soll DAS denn kaufen" und "da würden nicht mal Amis zugreifen". Heute Mittag nun (viele, viele Jahre später) schlendere ich so durch den Rewe und bleibe vor einem Sonderregal stehen:
IN YOUR FACE!!

Vermutlich bin ich meiner Zeit einfach voraus. Denken Sie an meine Worte, wenn Sie die erste Generation Wholemeal-Smoothies im Frischeregal stehen sehen, Typ Spaghetti Carbonara, Königsberger Klopse und Schnitzel Hawaii.

3/29/2008

Mein neuer Anzug

Seit Jahren habe ich mich in Cordhosen und grenzwertig akzeptablen Sportsakkos auf Familienfesten, Hochzeiten und anderen Festivitäten herumgedrückt. Doch diesmal war es soweit - so konnte es nicht weitergehen - ich brauchte einen Anzug! Grund genug für einen Erlebnisbericht.

Als erstes sollte ich erwähnen, dass ich mich dieser Herausforderung nicht alleine gestellt habe, sondern die wahrscheinlich beste Einkaufsassistentin Deutschlands, Kirstin, um Hilfe bat, die selbige auch großzügig gewährte. Also ging es dann heute los in ein großes mittelhessisches Einkaufszentrum. Zuerst natürlich zu Peek und Cloppenburg. Der dortige Verkäufer/Berater war hochgradig kompetent (auch wenn ich das Gefühl nicht loswerde, dass er mich begrabscht hat) und stellte mich ziemlich schnell vor vollendete Tatsachen: Mein merkwürdiger Körper lässt nur "Baukastensystem" zu. Zuerst habe ich gelernt, dass es Größen für normale und Größen für "Kleinere/Pygmische" gibt, und zwar im 50er und im 20er Bereich. Die Formel dafür lautet "50er : 2", was ich irgendwie diskriminierend finde, aber ich denke mal, als Pygmäe muss man nehmen, was man kriegt. Es kamen mehrere Anzüge für mich in Frage, aber so richtig überzeugend fand ich zunächst keinen. Obwohl der PC-Mann erklärte, die wahrscheinlich beste Auswahl vor Ort zu haben, und jovial hinzufügte: "Unsere Artikel passen für die lustigsten und traurigsten Stunden". Jedenfalls ließ ich mal den Anzug, der mir am ehesten zusagte, zurücklegen und wir zogen weiter. Zu St. Oliver. (Wieso heißt es eigentlich "St. Oliver"? Ist das ein Heiliger? Oder heißt es gar nicht so und ich hab´s mir falsch gemerkt?). Bei St. Oliver gab es einen Verkäufer und eine Verkäuferin. Der Verkäufer hatte ein umgedrehtes Mc-Donalds-M auf dem T-Shirt, unter dem stand: "Masturbate - I´m lovin´ it". Ich entschied mich für die Verkäuferin. Die stand mir auch mit Rat und Tat zur Seite, aber den perfekten Anzug fand natürlich Kirstin. Bloß: Die Hosen.
-"Die müssen gekürzt werden, sind so ´nen Tick zu lang."
-"Machen Sie das hier?
-"Nur wenn Sie eine St-Oliver-Kundenkarte haben."
-"Tuts auch eine von Peek und Cloppenburg?" [Nicht dass ich die hatte.]
-"Nein, leider nicht."
Wir also weiter. Kurz bei Esprit reingeschaut, war aber nix. Nach einigen weiteren Zwischenstationen entschied ich mich dann für den Oliver-Anzug, den ich demnächst dann noch mal kurz zum Schneider bringen muss, wegen den Hosen.

Aber das war ja noch nicht alles. Schuhe mussten her. Wir gingen in einen Schuhladen gegenüber von PC, Fink oder Roland oder irgendsoeiner. Schöne Schuhe waren schnell gefunden, allein, sie passten nicht.
-"Entschuldigung, gibt es diese Schuhe auch breiter?"
-"Das ist schon die "Komfort-Weite", tut mir leid."
Also nicht nur pygmisch, sondern auch noch Klumpfüße. Toll. Schließlich fand sich dann ein Paar, nachdem mir die Verkäuferin optimistisch zusicherte, dass "die Spanner sie ja auch noch weiten würden".

Die Krawatte. Eigentlich habe ich schon eine, eine superpraktische Teflonkrawatte von Tchibo, von der man alles abwaschen kann. Die hatte ich damals gekauft, weil ich eine merkwürdige Neigung habe, Krawatten, die ich trage, unwillkürlich ins Essen zu hängen. Aber die ist dunkelgrau, und da schon der Anzug dunkel war, wollte ich was farbiges. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, mir irgendwas cartooniges zuzulegen. Aber dann dachte ich: "Wenn schon seriös, dann richtig", und zurück ging´s zu PC. Riesenauswahl. Mein Favorit war dann tatsächlich rosa. (Ja, sorry, aber ihr hättet sie sehen sollen. Cooles Teil.) Leider war die von BOSS und sehr teuer, und da ich mich schon mit dem Anzug ziemlich verausgabt hatte, fiel die Wahl auf Krawatte B, No Name mit orangen Streifen. Ich mag orange. Der prozentual höchste Anteil meiner T-Shirts und Pullis ist schließlich orange.

Das Hemd war schnell gefunden, es sollte weiß sein und bügelfrei, also alles in allem nicht so schwer. Etwas verblüfft hat mich, wie eng das Hemd am Hals war, wenn man den obersten Knopf zumacht, aber sowohl Kirstin als auch die sehr sympathische Verkäuferin erklärten mir, dass es OK ist, solange noch ein Finger reinpasst. Um ihre Position zu untermauern, steckte mir die Verkäuferin ihren Finger auch gleich mal in den Kragen.

So fehlten nur noch Gürtel und schwarze Socken, und da ich einen einigermaßen schönen Gürtel für 19,90 fand, ließ ich es dann bei den Socken noch mal richtig krachen und kaufte keinen 3er-Pack, sondern ein einzelnes Paar für wie ich finde etwas zuviel Geld. (Bescheuert eigentlich, schließlich hängt ja die Hose drüber.)

Aber jetzt hab ich einen richtigen Anzug. Und seh aus wie eine Million Dollar! Grund genug für ein Emoticon. :-)
 
Terror Alert Level