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4/09/2011

Schöpfungsformel 1

Manchmal, zur Ablenkung während Arbeitszeiten, aus Langeweile oder als reine Übersprungshandlung, gebe ich irgendwelche widersinnigen Adressen in die URL Leiste ein und schaue, was kommt. Meistens nichts. Als ich jedoch gestern wasdieweltiminnerstenzusammenhaelt.com eingab, geschah etwas vollkommen Unvorhergesehenes: Es öffnete sich eine Internetseite, etwas zu grell, relativ schäbig designt, auf der sich neben einem Werbebanner und einem Disclaimer die Schöpfungsformel fand. Die Weltgleichung. Der Ursprung. Die finale Antwort. Der Bauplan und der Grund des Universums.

Zunächst glaubte ich an einen Fake, ein Scherz, doch als sich die Schöpfungsformel selbsttätig auf mein MacBook runterzuladen begann, die Festplatte sprengte, der Strom ausfiel, Blitze in meinem Arbeitszimmer zuckten und eine fertig gebrannte, goldene BluRay aus meinem (DVD-)Laufwerk sprang, ohne dass ich vorher irgendwas reingesteckt hätte, begann ich doch zu glauben, dass ich da auf etwas gestoßen sein könnte. Das Macbook fuhr von selbst runter und wieder hoch, die Festplatte leergefegt, der Schreibtischhintergrund verschwunden und durch ein Polarlichtbild ersetzt. Ich stellte die Festplatte via TimeMachine wieder her, schob die BluRay wieder rein (in mein DVD-Laufwerk) und rief den Dateiinhalt auf. Tatsächlich. Die Schöpfungsformel. Sofort versuchte ich, die Seite nochmals aufzurufen, schon um zu sehen, was unter „About us“ steht, doch die Webpräsenz war nicht mehr da. Safari teilte mir lediglich mit, es könne den Server nicht finden. Doch ich hatte die Kopie. Die Formel. Die Schöpfungsformel.

Ich saß da und starrte auf den Bildschirm. „Mann“, dachte ich. Und noch mal: „Mann“. Und dann: „Mannmannmann.“

2/12/2011

Unwillkommener Besuch

Als es klingelte, wusste ich wer da stehen würde, noch ehe ich die Tür öffnete.

Mubarak, sagte ich.

OK spar dir was immer du sagen willst und lass mich einfach rein, antwortete Mubarak.

Er wirkte ein bisschen müde, und man konnte leicht erkennen, dass die latente Aggressivität, die er in seine Äußerung und die begleitende Mimik gelegt hatte, lediglich einer tieferen Verunsicherung entsprang.

Reinlassen, erwiderte ich, könntest du das erst kurz definieren? Also meinst du das jetzt mehr so im Sinne von „Lass mich mal rein auf´n Kaffee und ´n Snickers“ oder im Sinne von „Lass mich mal rein und bau mir das alte IKEA Bett aus dem Keller zusammen“?

Ich meine das im Sinne von „Lass mich rein, mach die Tür zu und halt die Klappe“ du Sparschäler. Ich muss hier für eine Weile unterkommen. Es läuft grad nicht so gut bei mir.

Wie kommst du drauf dass ich... wieso... Nein. Nein, vergiss es. Sorry. Ich hab keinen Platz.

Soll das ein Witz sein? Damals hast Du alle möglichen Leute bei dir wohnen lassen. Psychic Lenin! Salman Rushdie! Elvis! Sogar ein Rudel beschissene Urzeitkrebse!! Und da hattest du noch eine EIN-ZIMMER-WOHNUNG!!

Alter da brauchst du jetzt gar nicht drauf anzuspielen, das ist fünf Jahre her dass ich davon hier geschrieben hab, daran erinnert sich keine Sau! Und außerdem hab ich die ja auch früher oder später alle wieder rausgeworfen! Warum sollte ich mir den Zwischenschritt also diesmal nicht einfach sparen und gar nicht erst wen reinlassen?

Aus der Küche wehte der Duft von frischgebackenem Apfelkuchen herüber. Mubarak schnüffelte. Seine Augen verengten sich zu messerscharfen Schlitzen.

Aha! Apfelkuchen! Der Lenin, DER darf also wieder hier wohnen ja?? Mubarak schrie jetzt.

Der ist NUR ZU BESUCH!! Ich auch.

Ach ja, BESUCH. Für BESUCH war ich ja auch immer gut, so lange ich nur immer was zu Trinken für deine Parties mitgebracht hab, ja?

DAS WAREN LENINS PARTIES! UND DU HAST DIE MÖRDERMUMIE MITGEBRACHT!!

Haben wir noch Schlagsahne, rief Lenin aus der Küche. Und passt auf wenn ihr reinkommt, mir ist hier ein kleines Maleur passiert. Meister Proper kriegt Ektoplasma weg oder?

6/16/2010

Der Epilog vom Ende

Als ich heute morgen meine neue Wohnung verließ, fand ich auf dem Fußabtreter vor meiner Tür einen Brief. Lange Zeit starrte ich ihn einfach nur an, unfähig mich zu bewegen, unfähig zu handeln, unfähig zu denken. Irgendwann aber hatte ich mit übermenschlicher Anstrengung die aufwallende Panikattacke überwunden, hob den Brief auf und starrte auf die handgeschriebene, symmetrisch perfekt austarierte, mit Breitfeder geschriebene Adresszeile, die nur aus meinem Namen bestand. Die Post hatte mit dem Transport dieses Schreibens nichts zu tun gehabt. Kein menschliches Wesen hatte das.

Ich wartete, bis meine Finger nicht mehr zitterten wie ein Jack Russel Terrier bei der Heimkehr seines Herrchens und öffnete den Umschlag. Ich entnahm das perfekt gefaltete Blatt und schlug es auf.

Sie haben möglicherweise bei Ihrem Auszug versehentlich zwei Regalaufhängungen der in der Wohnung installierten Regale eingepackt. Bitte bringen Sie sie zurück. Ich müsste mich sonst selbst darum kümmern, welche zu besorgen.

Ich zerknüllte den Brief und ließ ihn fallen. Als ich ins Auto stieg und das Radio anschaltete, wusste ich, welches Lied laufen würde, noch ehe die Boxen ansprangen.

6/02/2010

Das Ende vom Ende

Nun, da ich mich langsam in meiner neuen Wohnung einrichte und Schritt für Schritt in die Normalität zurückfinde, nun, da mein Provider wieder eine Verbindung hergestellt hat, mag die Zeit gekommen sein, das letzte Kapitel meines Auszugs zu erzählen.

Am Morgen meines Auszugs, die Sonne war gerade aufgegangen, klingelte es an meiner Tür. Es war der sonderbare Mann aus dem OBI. Wortlos, und ohne auf eine Einladung zu warten, trat er ein und schloss die Tür hinter sich. "Es ist an der Zeit", sagte er, "wir müssen schnell handeln. Wann kommen deine Umzugshelfer?" Ich zeigte auf die Bundesliga Uhr von der ARAL und antwortete: "Eigentlich jeden Moment." Ich war längst darüber hinweg, Rückfragen zu stellen. "Gut", erwiderte Obi-Wan, "nun gilt es. Wir haben die Aufmerksamkeit der Zerstörerin durch komplizierte Beschwörungen und das Opfer eines Grauschwanzeichhörnchens abwenden können, aber der Effekt ist nicht von langer Dauer. Der Bund hat mich für den schlimmsten Fall abgesandt, um sie aufzuhalten und dir einen Vorsprung zu verschaffen." Mit diesen Worten nahm er sich eine Bananenkiste und trug sie, noch während der erste Helfer klingelte, zügig die Treppe hinab.

Das Laden des Transporters vollzog sich schnell und ohne Zwischenfälle. Meine Vermieterin, die noch in der Nacht zuvor das Treppenhaus geputzt hatte, ließ sich tatsächlich während des ganzen Vormittags nicht blicken. Schließlich hatten wir den Transporter fast vollständig geladen. Wir standen im Hof. Obi-Wan (ich versuchte mich zu erinnern, wann ich begonnen hatte, ihn so zu nennen) war gerade wieder nach oben gegangen um die letzte Kiste zu holen, da geschah es. Die Wohnungstür meiner Vermieterin flog auf, ein grausiges Heulen ertönte, und sie betrat das Treppenhaus. Obwohl ich im Hof stand, konnte ich sie irgendwie, oben im Treppenhaus, vor mir sehen; auf irgend eine Weise musste sie im Laufe der Jahre eine Art mentale Verbindung zwischen uns errichtet haben, und warum auch nicht, schließlich gehörte ich ihr. Sie sprach nicht; um sie herum tobten Blitze und dunkle Wolken, ihre Augen waren pupillenlos (aus unerfindlichen Gründen beschlich mich ein Gefühl von Déjà Vu, ein Bussard schrie in weiter Ferne und klatschte dann mausetot in den Hof), und der mittelgroße Ficus vor ihrer Tür verlor schlagartig alle Blätter, die kurz um sie herumwirbelten, um sich dann in kleinen, perfekt symmetrisch angeordneten Häufchen auf dem Boden des Flurs zu sammeln.

"Fahrt los! Fahrt! Ich halte sie auf!" schrie Obi-Wan. "Aber die Bananenkiste!" schrie ich aus dem Hof herauf. "Vergiss die verdammte Kiste!" brüllte Obi-Wan zurück, und ich glaubte zu hören, wie er leise anschloss: "Wie konnte der Orden sich nur für diesen Kretin entscheiden." Da hörte ich die durch das perfekt polierte Treppenhaus tausendfach verstärkte Stimme meiner Vermieterin brüllen: "Neeeeeeeeeeein! Er gehört miiiiiiiiiiir! Diesen hier werdet ihr mir nicht neeeeeeeehmen!" Die Umzugshelfer sprangen panisch in den Transporter. Ich zögerte, trat in den Flur des Erdgeschosses, blickte nach oben, versuchte Obi-Wan und meine Vermieterin auszumachen. Ich sah, wie sie ihn umklammerte und ihre urplötzlich gewachsenen Fangzähne in seinen Hals schlug. "Diiiiiiiiiiiesen niiiiiiicht", brüllte sie mit einer grauenhaft verzerrten Stimme. Obi-Wan brach röchelnd zusammen, meine Vermieterin stemmte die Bananenkiste mit den Spider-Man Jahrgängen 96-99 und begann, sie immer wieder auf Obi-Wans Kopf zu schlagen. Sie war stärker als zehn Männer. Ich fasste das Silberkreuz und spurtete in den zweiten Stock hoch, zum Ort des blutigen Kampfes. Ich sah, dass ich zu spät war, dass Obi-Wans Kopf nur noch eine blutige, formlose Masse war. Wut erfüllte mich. Ich packte das Kreuz, stieß es ins Gesicht meiner Vermieterin und schrie: "Michael! Gabriel! Raphael! Ariel!" Nichts geschah. Meine Vermieterin lachte schrill, und Funken stoben aus ihren Augen. Von oben hörte ich mehrere Westerwelle-Cyborgs aus der Wohnung meiner Vermieterin die Treppe hinab strömen. "Uriel, meine ich!" kreischte ich. Das Kreuz erstrahlte in gleißendem Licht. Meine Vermieterin schrie nervenzerfetzend laut auf, ihre Haut warf Blasen, die Fenster des Hauses splitterten aus ihren Rahmen. Schließlich wurde sie leiser und leiser und blieb dann, endlich, reglos liegen. Es war vorbei, schien es.

Ich ging langsam die Treppe hinunter. Alle Helfer hatten es nun eilig. Wir schlossen die Ladetür des Transporters, quetschten uns in die Fahrerkabine und fuhren los. Es war tatsächlich gelungen. Sie war besiegt.

Und dann geschah es. Das Glasbausteinfenster des Treppenhauses explodierte in Höhe der Wohnung meiner Vermieterin und eine grauenerregende Gestalt - sie war es, aber es war nichts menschliches mehr an ihr - schwang sich hinaus ins Tageslicht, in einem Regen aus Westerwelle-Cyborg-Trümmern, breitete ihre Fledermausschwingen aus und landete so zielsicher wie schreiend auf dem Dach des Transporters. Ihre Krallen schlugen sich ins Blech. Sie begann, den Transporter von oben zu öffnen wie eine Büchse Anchovis.

"Das Kreuz, Mann!" schrie einer. Doch es war fort. Ich hatte es im Treppenhaus liegen gelassen. Eine fatale Ruhe überkam mich. Das war´s. Ich hatte verloren. Das Dach wurde weggerissen. Pupillenlose Augen starrten grinsend in die Fahrerkabine hinab. "Diiiiiiiesen niiiiiiiicht", gurgelte sie.

Der Transporter rumpelte mit 120 über einen der nervigen Geschwindigkeitsbegrenzungshügel, die Achse quietschte bedenklich, meine Vermieterin wurde von der Fliehkraft erfasst und weggeschleudert, konnte sich jedoch an der Beifahrertür direkt neben mir festklammern. Sie griff durch das mittlerweile zerstörte Beifahrerfenster und umklammerte bestialisch grinsend meinen Hals. Langsam drückte sie ihn trotz all meiner Gegenwehr zu. Mein Sichtfeld begann sich zu verengen. Es wurde dunkel um mich. Die Stringenz meiner Gedanken zerfaserte in ein graues Nichts. Die Schreie der Helfer rückten in unerreichbare Ferne.

Da, in der Dunkelheit, glaubte ich eine Stimme zu vernehmen. Es war Obi-Wan. "Ein Schweizer Taschenmesser ist ein nützlicher Helfer in allen Lebenslagen." Mit letzter Kraft griff ich in die Tasche meiner Jeans und fühlte den Griff des Schweizer Taschenmessers. Benommen, aber mit der Kraft der Verzweiflung, zog ich es hervor. Die Stimme meiner Vermieterin war keine Stimme mehr, nur noch ein gutturales, unheiliges Triumphgeheul. Die Sonne hatte sich verfinstert. Ich ließ den Flaschenöffner herausklappen.

Ich riss den Arm hoch und stieß zu. Mit einem markerschütternden Schrei ließ meine Vermieterin von meinem Hals ab. Mit ihrem verbliebenen Auge starrte sie mich für einen zur Ewigkeit gedehnten Sekundenbruchteil an, dann verlor sie den Halt an der Tür und stürzte unter die Räder. Es machte dumpf *bump* und gleich darauf noch einmal *bump*. Der Transporter bremste. "Nochmal! Rückwärts!" brüllte irgendjemand. Der Fahrer setzte zurück. *bump* *bump*

Der Wagen kam zum Stillstand. Vor uns lag ein unindentifizierbares, unangenehm breites Bündel auf der Straße. Minutenlang geschah nichts. Dann, plötzlich, brach das Bündel in grellgrüne Flammen aus und verdampfte binnen Sekunden zu einem klebrigen, gelblichen Fleck auf dem Asphalt.

Ruhe überkam mich. Ich wusste, ich hatte es geschafft. Es war endgültig vorbei. Ich war frei.

Ich tippe diese Zeilen am Abend des dritten Junis 2010. Das Ende einer Ära. Mögen sich zukünftige Generationen dessen erinnern.

5/27/2010

Die Mitte vom Ende

In den letzten Tagen war meine tiefe Besorgnis angesichts der langen Reihe von seltsamen Ereignissen rund um meinen Umzug reger Betriebsamkeit gewichen. Wie immer hatte ich die Dinge zu lange aufgeschoben und war nun so unter Zeitdruck geraten, dass ich schlicht keine Zeit mehr hatte, mir Sorgen zu machen. Zwei Tage noch - am Samstag würde ich umziehen. Das Radio mit Hotel California stellte ich einfach nicht mehr an, Briefe waren keine mehr gekommen, und vielleicht ließ sich die Sache mit dem Westerwelle-Cyborg und der Wetterkontrollmaschine ja doch nach dem Umzug noch mit ein paar Psychopharmaka in den Griff kriegen. Das alles konnte schließlich nicht real sein.

Heute Nachtmittag kam es dann zu der folgenschweren Begegnung bei OBI, die ich an dieser Stelle schildern möchte. Ein hagerer Mann in einer dunklen Kutte trat plötzlich lautlos und irgendwie würdevoll hinter einem Stapel Alpina-Weiß hervor. Seine eisgrauen Augen fixierten mich und flößten mir augenblicklich einen merkwürdigen, wenn auch nicht unangenehmen Respekt ein. Ich verkniff mir den offensichtlichen Scherz ("Obi-Wan? Du hier?"), tatsächlich brachte ich überhaupt nichts hervor. Da sprach er mich an.

- Der Tag ist gekommen. Das Spiel neigt sich dem Ende zu. Es wird Zeit, dass Du alles erfährst.
- Dass ich was erfahre?
- Die Wahrheit. Die Antwort auf deine Fragen und den Grund für deinen Weg.

Ich wollte mich umdrehen und gehen, konnte aber nicht.

- Du wirst am Samstag umziehen, nicht wahr?
- Woher wissen Sie das?
- Weil wir hinter allem stecken. Wir haben lange daran gearbeitet, dass Du genau jetzt dort stehst, wo du stehst.
- Vorm Farbenregal bei Obi?
- Ich meine das metaphorisch.

Er wirkte ungeduldig; so als würde er sich wünschen, ich wäre jemand anderes.

- Unser Geheimbund hat sich seit Jahrtausenden dem Kampf gegen die große Zerstörerin verschrieben.
- Sie meinen meine....
- Sprich ihren Namen nicht aus. Seit vielen Jahren haben wir dein Leben kontrolliert und deine Schritte gelenkt. Entscheidungen beeinflusst und Wege geebnet. Das alles nur, damit du jetzt genau hier bist. Du bist unsere Waffe. Du wirst uns endlich zum Sieg führen. Nicht so wie all die anderen vor dir.
- All die anderen vor mir?
- Das ist jetzt unwichtig. Dir wird gelingen, was deinen Vorgängern versagt blieb.

Eine unerklärliches Grauen ergriff Besitz von mir.

- Du fragst dich, was wir alles getan haben.
- Ja. Als ich zum Beispiel damals durch diesen sonderbaren Postverlust ein halbes Jahr Wartezeit in Kauf nehmen musste und dadurch an meiner aktuellen Arbeitsstelle endete...
- Das waren wir.
- Als ich das Examen bestand obwohl ich für die Prüfung nicht gelernt hatte?
- Das waren auch wir.
- Als mein Umzug nach NRW scheiterte?
- Das waren auch wir.
- Wer gibt Ihnen das Recht, so über mich zu bestimmen? Was ist mit meinem freien Willen? Ich... Sagen Sie, wissen Sie eigentlich, dass es da bis vor kurzem eine Serie gab, die sich um das gleiche Thema drehte, nur auf einer Insel?
- Das waren auch wir.
- Sie haben also alles in meinem Leben beeinflusst, bis hin zu zeitgenössischen Fernsehproduktionen?
- Und Literatur. Und Kultur. Und Politik, Religion, Kunst. Und nun neigt sich der große Plan dem Ende.
- Was... was muss ich tun?
- Ausziehen. Durch den Akt des Auszugs wirst du den uralten Bann brechen, der ihre Macht erhält.
- Und das wird schwierig, weil...?
- Du wirst rechtzeitig verstehen. Wisse nur, es geht um nichts geringeres als das Schicksal des Menschengeschlechts. Nur eins noch. Ich werde dir nun zwei Dinge geben, die Du brauchen wirst, um deine Mission zu erfüllen.

Ich wartete atemlos.

- Hier gebe ich dir ein silbernes Kreuz. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, rufe die Namen der vier Erzengel an - Michael, Gabriel, Raphael, Uriel - und es wird seine Magie freisetzen.
- Wie bitte? Das ist doch aus dieser Groschenroman-Serie. John Sinclair.
- Das waren auch wir.
- Verstehe.
- Ja.
- Gut. Und... und was ist das zweite?
- Was? Ach so, das zweite... ja, Moment... wo ist es denn... ah hier. Ein Schweizer Taschenmesser.
- Ein Schweizer Taschenmesser? Was zum Teufel soll ich mit einem Schweizer Taschenmesser?
- Muss ich dir denn alles erklären? Unglaublich. Ein Schweizer Taschenmesser ist seit jeher ein praktischer Helfer in allen Lebenslagen.

Ich starrrte ihn schweigend an. Er starrte zurück. Ich sah in seinen Augen, dass er die Wahl seines Geheimbundes auch nach all den Jahren nicht nachvollziehen konnte. Schließlich drehte er sich wortlos um und ging. Ich hörte ihn zu sich selbst murmeln:

- "Was soll ich mit einem Schweizer Taschenmesser? Was soll ich mit einem Schweizer Taschenmesser?" Unglaublich. Wie konnte der Orden sich nur für diesen Kretin entscheiden.

Dann verschwand er um die Ecke eines Regals. Ich blieb zurück und starrte auf den Stapel Alpina-Weiß. Ich versuchte mich zu erinnern, ob man zum Abdecken farbiger Töne einmal oder zweimal streichen muss.


5/05/2010

Der Anfang vom Ende

Heute Morgen fand ich einen Brief meiner Vermieterin vor meiner Tür. Er steckte nicht, wie sonst üblich, in einem Umschlag. Das lose Blatt wirkte auf merkwürdige Weise knitterig, wie im Zorn unachtsam behandelt. Die in sonderbar roter Tinte (?) geschriebenen Lettern waren größer als sonst und ließen die sonst so bestechend austarierte Symmetrie vermissen. Es waren nur sieben Worte:


Ich weiß was Sie vorhaben.


Viel Glück.



It´s on!

3/28/2010

Hotel California

Seit einiger Zeit habe ich erkannt, dass meine einzige Chance in der Flucht besteht. All die Erlebnisse mit meiner Vemieterin, all die Vorfälle, lassen sich in ihrer schieren Summe einfach nicht mehr verleugnen, oder Missverständnissen zuschreiben. Die Zeit, in der ich versuchte, Hilfe zu holen, oder die Welt einfach nur zu warnen, sind vorbei. Es gibt eben nur begrenzt viele schwarze Messen, Wetterkontrollmaschinen und Westerwelle-Cyborgs, die man irgendwie verdrängen kann ohne irreparablen Schaden zu nehmen. Und dazu kommt die Ahnung eines Masterplans, ein Gefühl einer düsteren Bestimmung, das, einer raschen Bewegung im peripheren Sichtfeld gleich, präsent ist und doch nicht greifbar. Es stand also fest: Ich musste raus hier.

Entscheidungsfördernd war das wiederholte Anschauen des 70er-Jahre-Gruselklassikers „Landhaus der toten Seelen“, unlängst auf DVD erstanden, in welchem eine Familie trotz aller Vorzeichen ja auch den entscheidenden Moment zu lange zögert, aus einem merkwürdigen Mietverhältnis einer noch merkwürdigeren Vermieterin zu entkommen. Und vollständig ausgelöscht wird.

Also begann ich, heimlich, auf Wohnungssuche zu gehen. Dabei aber haben sich in den letzten Tagen sonderbare Vorkommnisse gehäuft. Ansichtstermine, die plötzlich abgesagt wurden. Makler, die plötzlich spurlos verschwanden. Zunächst dachte ich mir nichts dabei – schließlich konnte meine Vermieterin unmöglich ahnen, was ich vorhatte.

Immer misstrauischer wurde ich, als ich bemerkte, dass jedes Mal, wenn ich in den letzten Tagen das Radio einschaltete, „Hotel California“ lief. Egal welcher Sender. Immer die letzte Strophe. Geloopt.

Mirrors on the ceiling,

The pink champagne on ice

And she said 'We are all just prisoners here, of our own device'

And in the master's chambers,

They gathered for the feast

They stab it with their steely knives,

But they just can't kill the beast

Last thing I remember, I was

Running for the door

I had to find the passage back

To the place I was before

'Relax,' said the night man,

'We are programmed to receive.

You can check-out any time you like,

But you can never leave!'

Gestern, als ich gerade wieder das Radio eingeschaltet hatte, schwitzend und nervös lachend, hörte ich plötzlich ein Geräusch vor meiner Tür. Ich kannte dieses Geräusch. Es war das vertraute, leise Schaben meines Fußabtreters, wenn meine Vermieterin eine der wöchentlichen Nachrichten in Zettelform auf ihm deponiert. Ich lauschte atemlos. Kämpfte kurz mit mir. Dann öffnete ich die Tür. Meine Vermieterin kauerte vor der Tür, hatte gerade den Zettel abgelegt. Sie blickte auf. Pupillenlose, weiße Augen blickten mich an. Aus unerfindlichen Gründen beschlich mich ein beinahe panikartiges Gefühl von Déjà Vu.

- Oh, hallo Herr X, ich wollte Ihnen nur kurz diesen Zettel hinlegen, um Sie darüber zu informieren, dass Ihre Wäsche noch im Keller hängt, obwohl sie bereits seit 37 Minuten komplett getrocknet ist.

- Oh. Danke, Frau Y.

Mit einem leisen *plopp* kamen ihre Pupillen zurück.

- Sie hören das, wenn ich hier Zettel deponiere?

- Seit einiger Zeit schon, ja.

Wir schwiegen. In der Ferne krächzte ein Bussard. Da war das Gefühl wieder.

- Naja das wollte ich Ihnen nur mitteilen. Die Wäsche muss weg. Die anderen Mieter brauchen ja auch Platz, um die Wäsche aufzuhängen.

- Natürlich. Das verstehe ich. Ich werde die Wäsche gleich abhängen.

- Gut. Gut. Sie werden ja schließlich noch eine Ewigkeit hier verbringen.

Was hatte sie da gerade gesagt?

- Entschuldigung, was sagten Sie gerade?

- Ich sagte, Sie wollen ja schließlich noch einen Moment hier wohnen. Da muss man Rücksicht nehmen.

- Ach so... ja.... natürlich.

- Oder gibt es etwas, dass ich wissen sollte?

- Wie? Nein. NEIN. Natürlich nicht. Wieso... warum fragen Sie?

- Wieso frage ich was?

- Na, ob... warum... was... ach... ich weiß auch nich.... vergessen Sie´s – ich hab mich verhört.

- Ja.

- Ja.

- Ach, Sie hören ja „Hotel California“. Ich mag diesen Song.

- Diesen... Song?

- Na dieses Lied. Es erinnert mich an die 70er. Viele sagen ja, der Text verberge eine geheime, okkulte Botschaft. Völliger Quatsch, wenn Sie mich fragen.

- Ich ... ich glaube auch.

- Ja.

- Ja. Ich geh dann mal wieder rein.

- Machen Sie das, Herr X. Auf Wiedersehen.

Heute Morgen hat die Maklerin einer Wohnung, für dich ich mich interessierte, bei mir angerufen. Sie sagte, sie könne den Vertrag leider nicht mit mir besprechen, da sie auf unbestimmte Zeit verreisen müsse. Nach Ägypten.

23 Uhr 30. Ich habe wieder angefangen zu rauchen.

3/08/2010

Meine Vermieterin kehrt zurück

Ich hatte schon mehrere wirklich unheimliche Erlebnisse mit meiner Vermieterin. Man denke nur an die schwarze Messe. Oder die Sache mit der Wetterkontrollmaschine. Oder die Sache mit Schäuble. Doch all das lag nun schon Monate, zum Teil Jahre, zurück. Und wie alle schrecklichen, traumatischen Erlebnisse verschwammen auch diese langsam immer mehr zu merkwürdig surrealen Traumbildern. War all das wirklich passiert? Hatte ich wirklich gesehen, was ich gesehen hatte? Ich meine, Voodoo? Eine Wetterkontrollmaschine? Wolfgang Schäuble? Immer mehr dämmerte in mir die Erkenntnis, dass meine Erinnerung mich trügen musste. Dass all das nicht real gewesen sein konnte. Dass ich vielleicht ein ganz anderes Problem hatte.

Bis, ja bis ich gestern beim Ausschütteln meines Eisbärfellkaminvorlegers beobachtete, wie ein schwarzer Van ohne Nummernschilder vorfuhr und zwei Männer in Blaumännern in schwarz - in Schwarzmännern also - ausstiegen. Sie öffneten den Kofferraum und holten eine menschenähnliche, jedoch völlig starre Gestalt heraus, welche sie zur Tür trugen und bei meiner Vermieterin klingelten. Nach etwa 15 Minuten verließen sie die Wohnung wieder - ohne die Gestalt - und fuhren davon.

Ich musste Gewissheit haben. Ging es wieder los? Oder spielte mein Gehirn mir nur einen weiteren Streich? Ich wartete, bis meine Vermieterin das Haus verließ und verschaffte mir mit meinem Peter-Shaw-Gedächtnis-Dietrichset Zugang zu ihrer Wohnung. Im Flur stand die Gestalt. Sie war schlank und trug einen Anzug, doch dort, wo das Gesicht sein sollte, waren nur Kabel und Platinen. Es war ein Cyborg. Ein Cyborg, dem man die Gesichtsschale entfernt hatte. Und er regte sich nicht.

In der Reverstasche steckte ein lieferscheinartiger Zettel, auf dem stand: "Sprachchip defekt. Logik- und Verhaltens-Subroutinen beschädigt. Zurück an die Brutkönigin zur Reperatur oder Replikation."

Brutkönigin?

Ich entdeckte im Nackenbereich einen freigelegten Schalter.

Sprachchip defekt. Verhaltens-Subroutinen beschädigt. Wer ist das?

Auf dem Schalter stand on/off. Ich schaltete auf on. Eine etwas zu schrille, leicht überkandidelte und irgendwie einfach furchtbar unsympathische Stimme tönte aus der eckigen Öffnung im Kabelgeflecht, die normalerweise durch den Mundbereich der Gesichtsschale abgedeckt sein musste:

"Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt´s einen, der die Sache regelt."

Das kam mir bekannt vor.

"Wir können uns auch gerne mal außerhalb einer Pressekonferenz nur zum Tee treffen."

Konnte... konnte das sein?

"Und dann sprechen wir nur Englisch."

Mein Gott.

"Wer anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein."

Ich musste hier raus.

11/20/2008

Novelty

Immer mehr Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis versuchen sich in letzter Zeit als Autoren – Grund genug, das auch mal zu probieren. Leider hat es keiner meiner vielen Romane über die ersten drei Sätze hinaus geschafft. Und dabei habe ich doch alle Genres durchprobiert. Nun, damit nicht alles vergebens war, habe ich beschlossen, die Romananfänge trotzdem zu veröffentlichen.

Genre 1: Spannung
Dan richtete die Taschenlampe auf den Fluchtpunkt des düsteren Gewölbetunnels. Der Lichtstrahl verlor sich in der Dunkelheit wie seine Gedanken sich im Chaos jüngst zurückliegender Ereignisse verloren. Er war auf ein Geheimnis gestoßen, so unfassbar, so unerhört, so wahnsinnig provokativ, so durch und durch rampensaumäßig, dass der Vatikan, das wusste Dan, alles tun würde, um ihn zum Schweigen zu bringen. Und wenn er ihm einen Albinokillermönch hinterherschicken müsste. Dabei hatte alles so harmlos begonnen, als vor einigen Tagen sein alter Freund, der geheimnisumwitterte Museumskurator...

Genre 2: Krimi
„Ich habe euch alle heute zusammengerufen, um reinen Tisch zu machen.“ Er räusperte sich. „Bella – ich betrüge dich seit Jahren mit deiner besten Freundin Margret. Margret – ich betrüge dich seit einiger Zeit mit deinem Mann Fred. Fred – du bist gefeuert. Tante Maynard – das mit deiner Katze war kein Unfall. Nun gut. Ich verstehe, dass ihr mich nun hasst. Manch einer würde sagen, jeder einzelne von euch hätte nun ein handfestes Motiv mich umzubringen. Jedoch... Oh - was ist das? Stromausfall? Man sieht ja die Hand vor Augen nicht mehr.“

Genre 3: Dystopische Sci-Fi
All die arroganten Atheisten guckten verdammt dumm aus der Wäsche, als am 23. Juni des Jahres 2012 ein fliegendes Spaghetti-Monster etwa zwei Drittel der Erde vernichtete. Die Überlebenden rotteten sich in den zerstörten Städten zu Clans zusammen und versuchten....

Genre 4: Drama
Amber-Lynn war verzweifelt. Die in ihr hochbrandenden Gefühle lähmten sie, ließen sie vergehen in unbändigem Hass, bedingungsloser Liebe und abgrundtiefer Verzweiflung, und wäre ihr Körper eine Kanone gewesen, sie hätte ihr Herz auf Kyle geschossen, der ihr alles genommen hatte, ihren unbändigen Hass, ihre bedingungslose Liebe, ihre abgrundtiefe...

Genre 5: Fantasy
Es war eine dunkle und stürmische Nacht. Kull hatte sich schon zu lange schutzlos durch Regen und Schlamm gekämpft. Er war müde, durchgefroren, völlig entkräftet. Doch er durfte nicht aufgeben. Nicht jetzt, da er dem bösartigen Troll, der sein Dorf dem Erdboden gleichgemacht hatte, und den er seither mit unnachgiebigem Rachedurst verfolgte, so nahe war. Diese Nacht würde...

Genre 6: Historischer Roman
Sein Urgroßvater hatte die Kathedrale vollenden wollen, sein Großvater und auch sein Vater. Keinem von ihnen war es vergönnt gewesen. Doch er, der Sohn der stolzen Baumeister, war noch da, und sein Lebenswerk sollte gleichsam das seiner ganzen Linie zu einem ehrfurchteinflößenden Ende führen. Doch da war auch noch sein anderes Erbe. Die andere Linie. Seine Mutter, die Päpstin.

Genre 7: Horror
„Der Wagen springt nicht mehr an.“ Carlos fluchte. „Wir haben keine Wahl, nicht bei diesem Wetter, wir müssen Schutz suchen in diesem runtergekommenen Haus da hinten.“ Sheila fröstelte. „Ich weiß nicht. Ich weiß einfach nicht. Carlos, bitte, ich fühle mich unwohl, wenn ich das Haus nur ansehe. Weißt Du noch, was die Wahrsagerin auf Coney Island gesagt hat?“ „Ach komm schon Liebes“, sagte Carlos und nahm sie lächelnd in den Arm, „wer glaubt denn schon an diesen Hokuspokus? Pass auf, ich frag nur eben schnell, ob ich mal telefonieren kann.“

Genre 8: Deutscher Literaturpreis
Geraden, die sich kreuzen, und doch ins Unendliche führen. Schnorchel. Uhu. Wes Leid ist grüner? Dein? Mein? Lamento. Mein Name ist Urban, aber ich heiße Bounty. Tütensuppe – Igelbürste --- Indifferenzaspekte! - n´est-ce pas?

10/10/2007

Talkshow

Ein fiktiver Einakter.

Die Gästeliste:
- eine abgehalfterte Showmasterin, nennen wir sie Margarethe
- ein mittellustiger Komiker, nennen wir ihn Mario
- eine einstmals erfolgreiche Schauspielerin, nennen wir sie Senta
- eine ziemlich blonde Ex-Moderatorin und Autorin, nennen wir sie Eva
- ein total lieber und korrekter Gastgeber, nennen wir ihn Johannes

Johannes: Liebe Eva, Sie waren ja zuletzt im Urlaub. Wie war´s denn?
Eva: Sehr schön! Wir waren in Österreich.
Margarethe: *keuch* Wie? Österreich? Wie können Sie denn "Österreich" sagen? Das ist heute nicht mehr tragbar!
Johannes: Sagen wir... in einer Alpenrepublik. Wie war es denn?
Eva: Sehr schön, danke. Auf der Rückfahrt standen wir leider lange im Stau, weil die Autobahn gesperrt war.
Senta: *keuch*: Also ich bin schockiert, wie hier einfach von Autobahnen geredet wird. Haben wir denn nichts gelernt?
Eva: Nein...ja... ich meine... also ich find die jetzt nur in dem Urlaubskontext gut...
Mario: Als könnte man das eine vom anderen trennen. Ich bin fassungslos.
Johannes: Eva, möchten Sie diese ihre Äußerung wirklich so stehen lassen?
Eva: Wie... aber... nein, hören Sie, was ich meinte ist...
Senta: Das ist uns schon klar, was sie meinten. Das ist ja unerträglich.
Eva: Nein... wenn Sie sich mal kurz konzentrieren und mich ausreden lassen würden...
Margarethe: *doppelkeuch* Konzentration? Konzentration??? Mein GOTT... Sind sie wahnsinnig? Das ist ja unfassbar!! Ich bin einfach nur entsetzt.
Senta: Ich verlange, dass diese Frau das Studio verlässt oder ich --
Mararethe: --wir--
Senta: --gehen.
Johannes: Eva, Du hast gezeigt, wie Du denkst... das ist dein gutes Recht... aber ich kann dir so kein Forum bieten.
Eva: Aber... mein Buch... ich habe doch noch gar nicht über mein Buch...
Johannes (zum Publikum, strahlend): Ich entscheide mich für meine anderen Gäste und verabschiede mich von Eva.
(Tosender Applaus.)

9/01/2007

Schäuble

Heute saß ich so auf der Fensterbank und dachte über das ein und andere nach, als ich eine Limousine vorfahren sah. Schwarz, mit verspiegelten Fenstern. Sie bremste ab und hielt vor unserem Haus. Ich reckte unauffällig den Kopf etwas vor. Der Fahrer stieg aus, ging zur hinteren Tür und hob einen Mann im Rollstuhl heraus.

Es war Schäuble. Schäuble? dachte ich. Schäuble?

Ich ging zu meiner Wohnungstür, öffnete sie und lauschte ins Treppenhaus. Ich hörte, wie zwei Leute, vermutlich der Fahrer und ein Bodyguard, Schäuble im Rollstuhl das Treppenhaus hochwuchteten. Bis in den zweiten Stock. Jemand drückte auf die Klingel. Ich hörte, wie die Tür geöffnet wurde und meine Vermieterin Schäuble freundlich begrüßte. Sie klang überhaupt nicht überrascht. Im Gegenteil, ich hörte sie sagen: Ah, Sie sind pünktlich. Ich schätze Pünktlichkeit.

Ein terminierter Besuch von Schäuble? Die Pressemeldungen der letzten Tage rasten durch meinen Kopf, und trotz der ganzen Surrealität der Situation wusste ich, was sie als nächstes sagen würde, noch ehe sie es sagte:

Ich freue mich, dass Sie sich an mich gewandt haben. Ihre Ideen zur totalen Überwachung beinhalten gute Ansätze, ja... aber ich bin sicher ich werde Ihnen einige nützliche Anregungen sowie Informationen zum technischen Know-How geben können. Aber kommen Sie doch rein, die Wände haben Ohren.

Ein Schwindelgefühl erfasste mich, ich stützte mich am Türrahmen ab. Der Bodyguard und der Fahrer schoben Schäuble rein und ich hörte, wie die Tür sich schloss.

7/02/2007

Das Geheimnis dieses Sommers

Lange hatte ich gerätselt wie das eigentlich sein kann, Global Warming allenthalben, aber hier nur Regen und Kälte. Heute dann entdeckte ich die schreckliche Wahrheit. Ich war unten in der Waschküche, die Maschine volladen und Wäsche von der Leine nehmen. Da hörte ich aus dem - stets verschlossenen - Heizungskeller ein merkwürdiges Geräusch. Eine Art glucksendes, bösartiges Lachen. Ich sah herüber zur Tür und bemerkte, dass sie nur angelehnt war. Ich schlich näher heran und spähte durch den Türspalt. Drinnen konnte ich im fahlen, von einer nackten Glühbirne gespeisten Licht meine Vermieterin ausmachen. Sie saß vor mehreren, an eine kantige Maschine angeschlossenen Monitoren und starrte in Gedanken versunken aus pupillenlosen Augen auf die Bildschirme. Einige zeigten sich bewegende Graphen und EKG-artige Wellenlinien, andere Aufnahmen der oberen Atmosphäre, wieder andere Satellitenbilder von Wolkenwirbeln über dem europäischen Kontinent. In einem roten Fluoreszentdisplay blinkten sich ständig selbst aktualisierende Daten: "Kaltfrontgenerator online - Niederschlagsmultiplikator bei 80% steigend - Energetische Solareinwegspiegel in oberer Stratosphäre ausgerichtet usw. An der Wand hing ein Poster von Daniel Düsentrieb. Ich atmete vor Erstaunen laut hörbar aus. Meine Vermieterin fuhr herum.
- "Oh, Herr [x], was machen Sie denn hier?" Mit einem leisen *plopp* kamen ihre Pupillen zurück. Mich beschlich aus unerfindlichen Gründen ein Gefühl von Déjà Vu.
- "Ich... ich hol nur meine Wäsche. Und was machen Sie...?"
- "Ach das... das ist nur die neue Hauswärmepumpe... ich überprüfe nur ob sie richtig läuft... und sehe dabei -- fern, ja, den -- Wetterbericht, damit es nicht so langweilig ist."
- "...verstehe..."
- "Jaaaa.... ja genau."
Längeres Schweigen. In der Ferne krächzte ein Bussard. Da war das Gefühl wieder.
- "War denn sonst noch was, Herr...?"
- "Nein. Nein, alles super."
- "Dann noch einen schönen Tag Ihnen."
- "Danke. Äh, gleichfalls."
- "Und machen Sie bitte die Tür zu."
- "Ja.... mach ich. Auf wiedersehen."
- "Und falls Sie das Haus verlassen, denken Sie bitte daran, die Haustür zu schließen."
Ich schloss die Tür und verließ den Keller. Ich trat an die frische Luft. Mühsam versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen. Das Wetter, dachte ich, selbst das Wetter. Wer hätte das gedacht.


12/14/2006

Das Geheimnis meiner Vermieterin

Als ich eben die Treppe zu meiner Wohnung hinaufstieg, hörte ich aus der Wohnung meiner Vermieterin, die unter der meinen liegt, merkwürdige Geräusche, eine Art monotonen Singsang. Ich horchte eine Weile an der Tür, doch ich verstand die Worte nicht. Ich wollte wissen, was da passierte, traute mich aber auch nicht zu klingeln. Schließlich stellte ich fest, dasss die Wohnungstür nicht verschlossen war. Es war stickig, und ein merkwürdiger, metallischer Geruch lag in der Luft. Ich ging auf die angehlehnte Wohnzimmertür zu. Noch bevor ich durch den Spalt sehen konnte, erkannte ich zwei Dinge: Erstens, dass ich den Singsang deshalb nicht verstanden hatte, weil es kein Deutsch war, sondern eine Mischung aus Latein und Aramäisch.Und zweitens, dass ein Blutrinnsal unter der Tür hindurch in den Flur sickerte. Dann blickte ich in den Raum und sah meine Vermieterin, umringt von Gestalten in schwarzen Kapuzen in einem mit Blut gemalten Pentagramm stehen, dessen fünf Ecken von Ziegenschädeln mit schwarzen Kerzen darin flankiert wurden. Was trieben die da bloß? Mit Schaudern dachte ich an mein Elfmetervoodoo-Erlebnis vom letzten Sommer und begann, nach Wachsfiguren von Fußballern Ausschau zu halten. Doch da waren keine Fußballer. Da war nur ein Foto von – mir. „Was?“ entfuhr es mir. Die Versammlung schreckte hoch, die seltsamerweise pupillenlosen Augen meiner Vermieterin richteten sich auf mich.
Oh... das tut mir leid, dass Sie uns hier so sehen mussten... es ist nicht so, wie es aussieht.... wir proben nur für... für das mittelalterliche Burgtheater nächsten... nächsten Sommer“, sagte sie nicht unfreundlich. Mit einem leisen „Plopp“ kamen ihre Pupillen zurück.
Ach so“, antwortete ich, „dann ist ja... alles klar...“ und, mit einem Blick auf mein Foto, dass in einem merkwürdigen Kreidekreis lag und dessen Ecken versengt und mit Blut voll gesogen waren, setzte ich hinzu: „Das... ist das nicht meins?
Jaaaa.... das habe ich gefunden, es muss ihnen aus dem Rahmen und ... unter der Tür durch und ... nun, und dann durchs Treppenhaus bis in meine Wohnung gefallen sein. Möchten Sie es zurück?
Nein. Nein, danke.
Längeres Schweigen. In der Ferne hörte man einen Bussard krächzen.
Gut, dann....
Ja, dann...
Ja, dann ist ja alles klar...
Ja, Frau K., genau, ich geh dann mal... und schönen... schönen Abend noch Ihnen... allen.
Jaaaa, vielen Dank, Ihnen auch.
Gut, dann auf wiedersehn.
Treten Sie bitte nicht in das Blut, ich hab frisch geputzt.
Ich ging in meine Wohnung und schloss hinter mir ab. Jetzt, wo ich so über all das schreibe, kommt es mir ehrlich gesagt doch ein bisschen komisch vor. Sollte meine Vermieterin... nein, das ist ein zu bizarrer Gedanke. Andererseits... Moment, es klingelt.

So da bin ich wieder. Ich denke es war alles viel Lärm um nichts. Vergesst es einfach. Ich werde jetzt übrigens bis auf weiteres verreisen. Auch mein Telefon melde ich gleich noch ab, ich bin also nicht mehr erreichbar. Bis dann,
euer Rolf

7/08/2006

Untot

Auf dem Weg nach Hause hatte ich heute morgen eine interessante Begegnung. Ich ging gerade, leicht bis mittelschwer angetrunken, die Bleichstraße hinunter, als ich in einer Hofeinfahrt eine Frau sah, die verzweifelt vor einer verschlossenen Tür stand und sich die Fingernägel am Türrahmen blutig kratzte. Am Boden lagen Drähte, verknittert und verbogen, offenbar Zeichen eines misslungenen Versuchs, das Türschloss zu knacken. Ich trat näher und erkannte, dass es meine damalige Freundin aus meiner Zivizeit vor vielen Jahren war. Sie hatte sich in all der Zeit überhaupt nicht verändert. Außer, dass diesmal Tränen in ihren Augen standen. Sie schien mich nicht zu erkennen und stammelte mit wirrem Blick "Ich wohne hier... ich muss hier rein...". Angesichts unserer Vergangenheit muss ich zugeben, dass mir der Anblick ihres offenkundigen Unbehagens nicht gänzlich zuwider war. "Du wohnst hier in der Stadt? Seit wann? Wann bist du aus Mainz weg?" "Ich muss hier rein", ihre Finger krallten sich in meinem Hemdkragen, Mascararinnsale bedeckten ihre Wangen, "ich habe meine Schlüssel verloren und ich muss hier REIN! JETZT!!" Über den Horizont traten die ersten Sonnenstrahlen, trafen auf ihren nach wie vor wunderschönen Körper und sie explodierte in einer Wolke aus Staub. "Jungejunge", dachte ich, "dass ich das nicht damals schon gemerkt habe." Ich wischte mir den Staub vom Kragen und ging weiter.

4/09/2006

Urzeitkrebse - Das Experiment : Psychic Lenin 4

Ich wusste, dass Lenin irgendwann zurückgekrochen kommen würde, und hatte mir fest vorgenommen, in diesem Falle hart zu bleiben, und wenn Elvis sich tausend mal langweilte. Doch als Lenin schließlich gestern vor der Tür stand, wurde ich dann doch schwach. Seine Augen waren tränenunterlaufen, seine ektoplasmatische Gestalt hatte einen leichten Grünstich, und auch seiner Argumentation ("Ich bin vielleicht ein Geist, aber die, die sind besessen!") konnte ich mich nur schwerlich verschließen. Also ließ ich ihn wieder einziehen. Während die Wohnung sich mit dem wohligen Duft frischgebackenen Apfelkuchens füllte und Lenin große Mühe an den Tag legte, die Schrittgeräusche so leise wie möglich zu halten, erlag ich für 30 Minuten dem Eindruck, diesmal könnte es wirklich funktionieren, ja begann mir sogar Vorwürfe zu machen. Hatte ich neulich nicht überreagiert? War es wirklich angemessen gewesen, ihn rauszuschmeissen und zu meiner alten WG zu schicken? Wie gesagt, es dauerte genau eine halbe Stunde. Dann fielen die ersten Gäste in meine Wohnung ein, und Elvis teilte mir verschmitzt lächelnd mit, er habe zur Feier des Tages eine "ganz spontane Willkommensparty organisiert". Und ob es mir etwas ausmachen würde, in der Küche weiter zu arbeiten, während sie im Wohnzimmer ein bisschen feiern. Alle waren sie gekommen, Jim Morrison, Falco, Lady Di, die Mördermumie, Hui Buh und Herr Riebmann. Ich hörte mich noch sagen "OK aber haltet es schön flach und macht keinen Ärger", da vernahm ich auch schon ein platschendes Geräusch und sah wie sich meine Urzeitkrebse über den Parkettboden ergossen und jämmerlich verreckten. Lenin hatte seinen berühmten "Ohne Hände" Trick gezeigt, das Plastiktütenaquarium war mit dem frei schwebenden Fernseher kollidiert und auf dem Boden zerplatzt. "Mann Lenin!", schrie ich, "Entwickel mal Hemmungen!" Ich hab sie alle rausgeschmissen, alle, auch Elvis. Ich werde versuchen, die Krebse zu trocknen und neu schlüpfen zu lassen, aber viele Hoffnungen mach ich mir nicht.

1/28/2006

Psychic Lenin 3

Als ich heute wieder einmal – zum zweiten Mal innerhalb nur eines Tages – das Ectoplasma in der Küche aufwischen musste, ist mir der Kragen geplatzt. „Lenin“, sagte ich, „so geht das nicht weiter. Dass es hier überall nach Apfelkuchen duftet, ist ja ne feine Sache, aber auf diese ewige Aufwischerei und die ständigen nächtlichen Klopfgeräusche hab ich langsam echt keinen Bock mehr!“ Natürlich hat er wieder die Mitleidstour geschoben, aber diesmal ließ ich mich nicht beeindrucken. Ich stellte ihn vor die Wahl, entweder Ausziehen oder einen Exorzisten. Ich gab ihm noch die Adresse meiner alten WG, dann ist er beleidigt abgedampft. Sollen die sich doch mit ihm rumärgern, die haben wenigstens wechselnden Putzdienst und nachts rumspuken tut da sowieso immer jemand.

12/01/2005

Psychic Lenin 2

Kürzlich saß ich wieder mal abends zu Hause am Rechner und arbeitete an meiner Anfang 2006 erscheinenden Abhandlung über die quantenmechanischen Wechselwirkungen zwischen Schroedingers Katze und Schmidts Hund, als ich plötzlich Geräusche von Schritten aus der Küche hörte. Das war an sich nichts ungewöhnliches, da Elvis, seit er sich in meiner Wohnung versteckte, die Zimmerschlüssel hatte und kam und ging wann er wollte (versuchen Sie mal, dem King Of Rock´n´Roll was auszureden). Das verstörende jedoch war, dass ich die Küche von meiner Position aus einsehen konnte, und da war niemand, absolut niemand zu sehen. (Niemand außer Salman Rushdie, der sich aus Furcht vor islamischen Fundamentalisten derzeit in kyrogenischem Schlaf in meinem transparenten Corona-Kühlschrank befindet; und der rührt sich ja nicht.) Ich nahm mir ein Herz und stand auf. Die Schrittgeräusche verstummten unwillkürlich, aber ich spürte mit jeder Faser meines Körpers, dass ich nicht länger alleine in der Wohnung war. Zögernd betrat ich die Küche. Es duftete nach Apfelkuchen. Na toll, dachte ich. Lenin ist wieder da.

11/27/2005

Psychic Lenin

Im Museum für den sowjetischen Staatsgründer Lenin (1870-1924), das sich in dessen ehemaliger Wohnung in Samara an der Wolga befindet, hat es laut dem pragmatischen Personal vor kurzem angefangen zu spuken. Ein Geist geht um, und obwohl es niemand explizit ausspricht, ist doch allen ziemlich klar, dass nur einer hinter der ektoplasmischen Präsenz stecken kann: Lenin persönlich. Museumsdirektorin Maja Obraszowa sagte der Agentur Interfax, dass immer wieder rätselhafte Geräusche von Schritten zu hören seien. "Einmal fanden wir morgens ein benutztes Bett in Lenins Zimmer vor, obwohl nachts die Tür verschlossen war", beteuert sie. Das verstörendste aber: Im ganzen Museum "riecht es manchmal nach frischem Apfelkuchen, der Leibspeise Lenins." Schockieren tut das allerdings weder sie noch ihr Personal: "In jedem alten Haus sollte es Gespenster geben. Wir sind mit unseren befreundet und fürchten sie nicht." Lenins Körper liegt schon seit 1924 einbalsamiert in dem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau. Möglich, dass ihn das in letzter Zeit ein bisschen nervt.

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