
3/23/2011
Just say Yes No

3/21/2011
Was wirklich zählt
Aber die Aufmerksamkeitsspanne der Deutschen ist mit knapp anderthalb Wochen nun mal überschritten.
Oder auch mit einer Woche.
Denn seit genau drei Tagen hat Deutschlands Scheißleitmedium wieder einen neuen Scheißtitelaufmacher, der in geringfügiger Variation heute zum dritten Mal in Folge auf der Scheißtitelseite prangt.

2/12/2011
Unwillkommener Besuch
Als es klingelte, wusste ich wer da stehen würde, noch ehe ich die Tür öffnete.
Mubarak, sagte ich.
OK spar dir was immer du sagen willst und lass mich einfach rein, antwortete Mubarak.
Er wirkte ein bisschen müde, und man konnte leicht erkennen, dass die latente Aggressivität, die er in seine Äußerung und die begleitende Mimik gelegt hatte, lediglich einer tieferen Verunsicherung entsprang.
Reinlassen, erwiderte ich, könntest du das erst kurz definieren? Also meinst du das jetzt mehr so im Sinne von „Lass mich mal rein auf´n Kaffee und ´n Snickers“ oder im Sinne von „Lass mich mal rein und bau mir das alte IKEA Bett aus dem Keller zusammen“?
Ich meine das im Sinne von „Lass mich rein, mach die Tür zu und halt die Klappe“ du Sparschäler. Ich muss hier für eine Weile unterkommen. Es läuft grad nicht so gut bei mir.
Wie kommst du drauf dass ich... wieso... Nein. Nein, vergiss es. Sorry. Ich hab keinen Platz.
Soll das ein Witz sein? Damals hast Du alle möglichen Leute bei dir wohnen lassen. Psychic Lenin! Salman Rushdie! Elvis! Sogar ein Rudel beschissene Urzeitkrebse!! Und da hattest du noch eine EIN-ZIMMER-WOHNUNG!!
Alter da brauchst du jetzt gar nicht drauf anzuspielen, das ist fünf Jahre her dass ich davon hier geschrieben hab, daran erinnert sich keine Sau! Und außerdem hab ich die ja auch früher oder später alle wieder rausgeworfen! Warum sollte ich mir den Zwischenschritt also diesmal nicht einfach sparen und gar nicht erst wen reinlassen?
Aus der Küche wehte der Duft von frischgebackenem Apfelkuchen herüber. Mubarak schnüffelte. Seine Augen verengten sich zu messerscharfen Schlitzen.
Aha! Apfelkuchen! Der Lenin, DER darf also wieder hier wohnen ja?? Mubarak schrie jetzt.
Der ist NUR ZU BESUCH!! Ich auch.
Ach ja, BESUCH. Für BESUCH war ich ja auch immer gut, so lange ich nur immer was zu Trinken für deine Parties mitgebracht hab, ja?
DAS WAREN LENINS PARTIES! UND DU HAST DIE MÖRDERMUMIE MITGEBRACHT!!
Haben wir noch Schlagsahne, rief Lenin aus der Küche. Und passt auf wenn ihr reinkommt, mir ist hier ein kleines Maleur passiert. Meister Proper kriegt Ektoplasma weg oder?
Bullshit Bingo
1/23/2011
Lucy 4
1/05/2011
Just Justy
12/23/2010
Päckchenwatch und Capgras
Obwohl ich mich diesmal wirklich frühzeitig gekümmert habe wegen Weihnachtsgeschenken, wird auch diesen Heiligmorgen das passieren, was seit etwa vier Jahren traditionell immer passiert: Ich verbringe den ganzen Vormittag in der Küche und warte darauf dass es klingelt und der DHL-Mann das eine Päckchen bringt, das noch fehlt. Was er bisher in zwei von vier Fällen tat. Es bleibt also spannend. Es gibt aber Grund zum Optimismus, habe ich doch eben gelesen, dass die Post dieses Jahr am 24. Dezember „4000 zusätzliche Paketengel“ aufbietet, die der Masse an Paketsendungen Herr werden sollen. Cool fänd ich ja, wenn sie den Paketengeln auch so gelbe Engelsflügel ankleben, aber viel Hoffnung hab ich da nicht.
Letzte Woche habe ich von einer abgefahrenen, seltenen - aber nicht extrem seltenen - Krankheit gelesen, dem Capgras-Syndrom. Das Capgras-Syndrom ist eine psychiatrische Krankheit, die sich - und das ist das faszinierende - fast variationslos in der immer selben Wahnvorstellung äußert und dabei doch ganz materialistisch einer beschädigten Gehirnregion zuzuschreiben ist. Erkrankte erliegen der Überzeugung, dass ihnen nahestehende Menschen durch Doppelgänger ersetzt wurden. Keine Ahnung, keine Vermutung - eines Tages wissen sie es einfach.
Wie jede gute Wahnvorstellung lebt auch die durch Capgras ausgelöste davon, dass sie nicht logisch widerlegbar ist. Ich meine, wer kann schon wissen dass der Mensch, der da nebenan aufwacht, der oder dieselbe ist, mit der man abends eingeschlafen ist? Wer kann schon beweisen, dass der nette Kollege, der heute die Brötchenbestellung zum ersten Mal seit drei Jahren falsch zusammengestellt hat, wirklich der nette Kollege ist, der noch gestern die korrekte Anzahl von Sesambrötchen, Mohnsternen und Zimtwuppies in der Tüte hatte? Wer kann schon zweifelsfrei feststellen, dass die Eltern, die einen am ersten Weihnachtsfeiertag strahlend begrüßen, dieselben sind, die einem noch drei Wochen zuvor die Hölle heiß gemacht hatten, weil man immer noch keine Winterreifen aufgezogen hatte.
Und irgendwie... je länger ich drüber nachdenke... hatte man nicht eh immer schon so eine Ahnung.... hatten sich zuletzt nicht auffällig viele Leute auffällig stark verändert?
Besser nicht weiter drüber nachdenken. Interessant aber, wie dieses Thema auch in Unkenntnis des Syndroms offensichtlich im kollektiven Unterbewusstsein verankert ist - wobei ich postuliere, dass man den Grad der Verankerung eines Konzepts im kollektiven Unterbewusstsein anhand der Anzahl von dessen Inszenierungen in Kunst und Popkultur messen kann. Man schaue sich zB nur mal Don Siegels Klassiker "Die Dämonischen" an, in der Menschen von außerirdischen Bohnen verschlungen und durch willenlose Duplikate ersetzt werden. Oder die wahrscheinlich beste aller 37 He-Man Kasetten, in der He-Man entführt und durch Skeletors He-Man-Roboter "Faker" ersetzt wird. (Was für eine coole Folge!) Oder die Geschehnisse nach Supermans Tod, als er von gleich vier Doppelgängern beerbt wurde, die Böses im Schilde führten (aber alle einer tragischen Fehleinschätzung der Marketingstrategie des DC Verlags erlagen, die zur Auferstehung Supermans nur wenige Wochen später dank kryptonischer Regenerationsmatrix führte). Oder einfach irgendwas von Kafka.
Das Syndrom schlägt plötzlich zu, es gibt keine längere Phase sich aufbauenden Misstrauens. Wenn Sie also eines Tages das Gefühl haben, dass der DHL-Mann, der da klingelt, gar nicht der DHL-Mann ist, der gestern geklingelt hat - nicht gleich schießen. Vielleicht ist das alles nur in ihrem Kopf. (Es sei denn, es ist einer von den "Paketengeln". Ich denke, dann ist schießen OK.)
9/17/2010
9/11/2010
Unvermeidbar: Sarazzin oder Ecce Homo
Obwohl man den Namen Thilo Sarazzin im Moment a) nicht mehr hören kann und man b) solche in letzter Konsequenz substanzlosen Medienhypes nicht noch weiter befeuern sollte, ist mir in den Artikeln, die – zumindest – ich dazu gelesen habe, aufgefallen, dass doch zwei recht interessante Aspekte darin nicht behandelt werden. Und das, obwohl man aus diesen zwei Aspekten eine interessante, wenn auch recht misanthropische Schlussfolgerung ziehen kann.
Da ist zum einen die Tatsache, dass Sarazzins Buch bei Erscheinen ein anderes Buch von Platz #1 der Bestsellerliste verdrängt hat, welches sich im Grunde mit der selben Thematik beschäftigt: Kirsten Heises „Das Ende der Geduld“, das ich zufällig sogar gerade gelesen habe, und das sich ungleich konstruktiver, bei gleicher Direktheit und Offenheit, mit der Integrationsproblematik auseinandersetzt.
Und zum anderen, dass Sarazzin vor nicht all zu langer Zeit noch Schlagzeilen machte (und gerade von den Jubelpersern, die ihn jetzt unreflektiert zum Helden stilisieren, dafür gehasst wurde), indem er sich für eine starke Reduzierung der Arbeitslosenunterstützung stark machte, und postulierte, man könne von 4 Euro am Tag prima leben.
Was sagt uns das.
Im Grunde doch nur eins:
Der Pöbel (und hierbei seien alle Akademiker herzlich eingeschlossen) ist nur zu gerne bereit, einen konstruktiven Diskurs zugunsten wirrer Eugenik-Argumentationen aufzugeben, solange er dafür nur endlich mal wieder so richtig schön hassen kann.
Er ist nicht ansatzweise an konstruktiven Lösungsvorschlägen interessiert, solange er dafür nur endlich mal wieder so richtig schön hassen kann.
Er ist nur zu gerne bereit, zu vergessen, dass man ihm gerade noch auf zynischste Weise das Notwendigste absprechen wollte; solange er dafür nur endlich mal wieder so richtig schön hassen kann.
Damit tritt hinter dem Bedürfnis, endlich mal wieder großflächig dissen zu können, so ziemlich jedes andere Bedürfnis zurück. Und man kann es sich sogar mittels der alten "Man-muss-mal-sagen-dürfen"-Rhetorik schönreden.
8/29/2010
Expendable Inception
Als großer Filmfreund erlebte ich irgendwann den Knacks. Dieser nicht zeitlich zu verortende Moment, der wahrscheinlich gar kein Moment, sondern eine lange Phase stetiger Rezeption ist, in dem sich eine Gewissheit ins Bewusstsein frisst: Nichts wird mich mehr wirklich flashen, denn alles, was produziert wird, ist letztlich Variation, und wenn man ein genügendes Maß an Variation verschlungen hat, wird ebendiese redundant. Man erkennt die wiederkehrenden Muster und beraubt sich selbst der Faszination des Unerwarteten und gänzlich neuen, die einen als Vierzehnjährigen selbst bei Sachen wie Ghostbusters 2 noch ungläubig augenreibend in die Kinosessel presste und dem Inhalt noch Wochen später jedem, der es so gar nicht hören wollte, im Minutendetail erzählen ließ. Der Knacks war ein trauriger Moment, aber ein scheinbar unvermeidbarer. Die Magie des Kinos war dahin, es blieb nur die Coolness des Moments.
Diese Woche hat sich dieser Knacks von selbst geheilt. Ich war zweimal im Kino und beide unglaublichen Male war es wie beim ersten Mal Kino überhaupt, wenn auch bei beiden Besuchen aus völlig anderen Gründen wie damals beim Fahrradflug aus E.T.
Der erste Film, den ich sah, war „Inception“. Der Grund für den oben beschriebenen Effekt war hier: Dass Sehgewohnheiten und Erwartungen an das, was ein Film leisten kann, so grundlegend zunächst auf den Kopf gestellt und dann überboten wurden, dass man erst vor Glück heulen wollte und dann, danach, die Welt mit anderen Augen sah, in der ständigen Furcht, man würde irgendwann, in einer realweltlichen Situation, plötzlich Edith Piafs „Je ne regrette rien“ hören. Oder dass der Kreisel einfach nicht mehr umkippt. Und so lange das nicht geschah, konnte man sich immer noch fragen, ob Cobb einfach nur von seinem letzten Trip in den Limbo nicht mehr zurückgekehrt war, oder ob die gesamte Geschichte auf einer fünften Ebene spielte und seine Frau, als sie sich aus dem Fenster stürzte, im Grunde recht hatte.
Der zweite Film war „The Expendables“. Der Grund hier: Weil dieser Film eine Einheit zwischen sich und dem Zuschauer, zumindest dem in den 80ern großgewordenen, herstellte, die so verstörend intensiv und gleichzeitig lustig war, dass ich mich im Nachhinein frage, wieso zum Geier so viele Teens da rein gerannt sind und ihn zumindest in den Staaten zu einem derartig großen Erfolg gemacht haben, obwohl die eigentliche Prämisse doch so völlig an ihnen vorbeigegangen sein muss: Nämlich eine Geschichte von und für und über die Anhänger und Akteure des großen, gradlinigen und Tech-freien Actionfilms einer Zeit vor iPhone und Blackberry zu erzählen und gleichzeitig deren Schwanengesang zu inszenieren. Alle alten Recken, von der Botoxruine Stallone bis zum Präsidentenanwärter Schwarzenegger, kleiden hier die Geschichte ihrer Hochzeit und die Notwendigkeit ihres Abstiegs in einen B-Film, der sich selbst noch während der Laufzeit überholt und im Pulverdampf über den Leichenbergen der lächerlich eindimensional Bösen schließlich komplett in der Metaebene verflüchtigt. Sie haben ihre geschundene Fresse und ihre malträtierten Körper buchstäblich für uns respektive ihre Karriere hingehalten und entlassen uns mit einem ultimativ sentimentalen Schulterschluss in eine Zeit, in der wir uns mit billigeren, wenn auch ganz und gar nicht uncoolen TV-Kopien wie Jack Bauer begnügen müssen, während die nächste Generation sich den bei Sonnenlicht diamantglitzernden, metrosexuellen, empathischen Selbstzweiflern widmen darf.
Hoffentlich ruinieren sie es nicht durch zweite Teile. Aber eigentlich glaub ich nicht, dass sie das machen werden.
