3/23/2011

Just say Yes No

Wenn Werbekampagnen besonders cool sein müssen, oder glauben es sein zu müssen, führt das in der Regel dazu, dass sie so überdurchdacht, bedeutungspotenziert und fünffach ironisch gebrochen sind, dass ihre intendierte Wirkung letztlich verpufft. Das trifft beispielsweise in der Regel für jede Kampagne zur Verstärkung sozial erwünschten Verhaltens zu, sei es Nüchtern Fahren, Wahlgang, Safe Sex oder - natürlich - Drogenabstinenz. Heute habe ich zum ersten Mal eine Anti-Drogen-Kampagne entdeckt, deren (vermutete) intendierte Wirkung nicht nur verpufft, sondern sich irgendwie ins Gegenteil verkehrt. Oder ist das jetzt wieder nur bei mir so?

3/21/2011

Was wirklich zählt

Die Katastrophe von Japan ist anderthalb Wochen her. Abertausende sind tot. Vier Reaktorkammern pendeln noch immer zwischen SuperGAU und Last Minute Wunder. Kein Mensch weiß, wie viel Radioaktivität längst in die Umwelt gelangt ist und was diese anrichten wird.

Aber die Aufmerksamkeitsspanne der Deutschen ist mit knapp anderthalb Wochen nun mal überschritten.

Oder auch mit einer Woche.

Denn seit genau drei Tagen hat Deutschlands Scheißleitmedium wieder einen neuen Scheißtitelaufmacher, der in geringfügiger Variation heute zum dritten Mal in Folge auf der Scheißtitelseite prangt.


2/12/2011

Unwillkommener Besuch

Als es klingelte, wusste ich wer da stehen würde, noch ehe ich die Tür öffnete.

Mubarak, sagte ich.

OK spar dir was immer du sagen willst und lass mich einfach rein, antwortete Mubarak.

Er wirkte ein bisschen müde, und man konnte leicht erkennen, dass die latente Aggressivität, die er in seine Äußerung und die begleitende Mimik gelegt hatte, lediglich einer tieferen Verunsicherung entsprang.

Reinlassen, erwiderte ich, könntest du das erst kurz definieren? Also meinst du das jetzt mehr so im Sinne von „Lass mich mal rein auf´n Kaffee und ´n Snickers“ oder im Sinne von „Lass mich mal rein und bau mir das alte IKEA Bett aus dem Keller zusammen“?

Ich meine das im Sinne von „Lass mich rein, mach die Tür zu und halt die Klappe“ du Sparschäler. Ich muss hier für eine Weile unterkommen. Es läuft grad nicht so gut bei mir.

Wie kommst du drauf dass ich... wieso... Nein. Nein, vergiss es. Sorry. Ich hab keinen Platz.

Soll das ein Witz sein? Damals hast Du alle möglichen Leute bei dir wohnen lassen. Psychic Lenin! Salman Rushdie! Elvis! Sogar ein Rudel beschissene Urzeitkrebse!! Und da hattest du noch eine EIN-ZIMMER-WOHNUNG!!

Alter da brauchst du jetzt gar nicht drauf anzuspielen, das ist fünf Jahre her dass ich davon hier geschrieben hab, daran erinnert sich keine Sau! Und außerdem hab ich die ja auch früher oder später alle wieder rausgeworfen! Warum sollte ich mir den Zwischenschritt also diesmal nicht einfach sparen und gar nicht erst wen reinlassen?

Aus der Küche wehte der Duft von frischgebackenem Apfelkuchen herüber. Mubarak schnüffelte. Seine Augen verengten sich zu messerscharfen Schlitzen.

Aha! Apfelkuchen! Der Lenin, DER darf also wieder hier wohnen ja?? Mubarak schrie jetzt.

Der ist NUR ZU BESUCH!! Ich auch.

Ach ja, BESUCH. Für BESUCH war ich ja auch immer gut, so lange ich nur immer was zu Trinken für deine Parties mitgebracht hab, ja?

DAS WAREN LENINS PARTIES! UND DU HAST DIE MÖRDERMUMIE MITGEBRACHT!!

Haben wir noch Schlagsahne, rief Lenin aus der Küche. Und passt auf wenn ihr reinkommt, mir ist hier ein kleines Maleur passiert. Meister Proper kriegt Ektoplasma weg oder?

Bullshit Bingo

Gestern schickte man mir diesen Link zu - Einfach unschlagbar nützlich wenn man viel mit Texten zu tun hat, sei es produktiv oder rezeptiv:

1/23/2011

Lucy 4

Letzte Woche war ich wieder im Autohaus, um meinen alten Wagen abzugeben und den neuen entgegenzunehmen. Ich fühlte mich etwa zu gleichen Teilen traurig wie vorfreudig, als ich die Ausstellungshalle betrat, an die sich rechts das Büro des Verkäufers anschloss, der tatsächlich Messias hieß. In der Mitte der Präsentationsfläche befand sich ein durch ein riesiges rotes Samttuch verhüllter unbekannter Wagen. "Da hat´s wohl mal wieder einer nötig", dachte ich und freute mich kurz, dass man beim Kauf kleiner Sparautos wenigstens nicht so einen nervigen Verkaufsnippes mitmachen musste. Meinen Justy konnte ich nicht ausmachen, vermutlich parkten sie diese Preisklasse gleich draußen im Schnee.

Im Büro klärten wir kurz die Formalia, wobei der Messias erneut eine unglaubliche Professionalität bewies, als er angesichts der Tatsache, dass ich Fahrzeugbrief und Fahrzeugschein nicht dabei hatte, fast gar nicht genervt guckte und freundlich blieb. Auf mein Versprechen, ihm das ganze Zeug noch zuzusenden, würde ich aber den neuen Wagen trotzdem schon mitnehmen dürfen, erklärte er großzügig, und so führte er mich wieder zurück in die Ausstellungshalle. Wir blieben vor dem mit rotem Samt abgedeckten Wagen stehen. Für einen kurzen Moment war ich absolut sicher, dass der Messias einen Witz machen wollte, und bedauerlicherweise war dieser Moment lang genug um mich sagen zu lassen: "Die Nummer machen Sie jetzt nicht wirklich oder? Das is´ jetzt´n Witz ne? Sie sind so lustig." Verwirrt sortierte sich der Messias einige Sekundenbruchteile und erwiderte dann mit großer Würde: "Doch. Das machen wir so beim Kauf eines Neuwagens." Dann ließ er mit einer ein ganz klein bisschen verunglückten, schwungvollen Bewegung das Samttuch theatralisch in die Höhe schnellen, wo es einen Augenblick verharrte und dann zu Boden stürzte. Wir blickten uns kurz schweigend an. Dann kickte der Verkäufer das Tuch wortlos mit einem Fuß zur Seite, drehte sich geschäftig zu dem Wagen um, öffnete mir die Tür und sagte: "So und jetzt machen wir noch ein Foto von Ihnen und Ihrem neuen Wagen, das wir Ihnen dann in wenigen Tagen als Tasse zuschicken."

Der Abschied von Lucy 3 fiel mir wie erwartet sehr schwer. Als ich vom Gelände fuhr, konnte ich spüren, wie sie mir aus ihren anthropomorphisierten Scheinwerferaugen traurig und enttäuscht nachblickte, aber ich sah nicht zurück.

Natürlich habe ich auch meinen neuen Justy wieder Lucy genannt. Obwohl ich diesmal wirklich kurz gezögert habe. Es gibt ja wirklich Namen, die besser zu "Justy" bzw "Justin" passen. Zum Beispiel "Schantal". Oder "Schackeline".

1/05/2011

Just Justy

Mein 14 Jahre alter A4 liegt schon lange in den letzten Zügen. Es gäbe zwar Menschen auf der Welt, die durch aktive Selbsthilfe noch locker zwei Jahre lang mit dem Wagen klarkämen, aber ich gehöre nicht dazu. Und deshalb fiel zusammen mit der jüngsten Panne, nach einem völlig unerwarteten, wundersamen Aufbäumen im Zuge der vorletzten, der Entschluss: Die Zeit von Lucy 3 war abgelaufen, ich brauchte ein neues Auto.

Wie üblich, warf mir das Universum umgehend einen Fingerzeig vor die Füße. (Das Universum ist mir gegenüber immer sehr gesprächig, es sei denn die Kacke ist echt am Dampfen, dann macht es meist gerade Urlaub in Beteigeuze.) Diesmal bestand der Fingerzeig in einer Anzeige im Stadtblättchen, laut welcher ein Subaru-Vertragshändler eine private Abwrackprämie zzgl. der Abkaufsumme des alten Wagens anbot, wenn man ihm dafür einen Justy abkaufte.

Ein Subaru? Wirklich? dachte ich.
Ein Subaru. sagte das Universum.
Ein Subaru... Justy? hakte ich nach.
Jetzt nerv nicht. sagte das Universum.

Also fuhr ich hin, um mich über das Angebot zu informieren, mir den Justy anzusehen und meinen A4 schätzen zu lassen. Der Verkaufsmanager hieß tatsächlich Thomas Messias und klärte mich über die Vorzüge des Deals auf. Alles klang ok. Der alte A4 sollte noch mal 2000 bringen, und der überhaupt einzige Nachteil bestünde darin, dass ich eins der Modelle nehmen müsse, die vor Ort standen, also keine große Auswahl bei der Farbe hätte.

"Die Farbe ist mir eigentlich egal", sagte ich, "welche gibt´s denn noch?"
"Skyblue", sagte der Messias.
"Himmelblau?" sagte ich.
"Himmelblau", sagte er.
Himmelblau? fragte ich das Universum.
Mein Gott, jetzt wart doch mal. sagte das Universum.
"Äh nein, ich sehe gerade wir haben hier noch einen schwarzen." sagte der Messias.
Das Universum trommelte ungeduldig mit seinen Fingern auf dem äußeren galaktischen Spiralarm.

Alles in allem schien das wirklich ein guter Deal zu sein. Wir gingen nach draußen, um meinen A4 zu begutachten. Ich hatte ihn extra gewaschen.

"Was ist denn mit der St0ßstange passiert?" fragte der Messias.
"Da bin ich beim Einparken mal an den Fahrradständer geschrammt. Nix großes."
"Die ist aber hier vorne rechts lose."
"Aber nur ein bisschen."
"Und was ist mit der Tür hier hinten? Hat da mal einer reingetreten?"
"Nein, wir haben da nur den Türrahmen ein bisschen gespachtelt, und deshalb steht er jetzt ein klein wenig über."
"M-hm. M-hm. Und das hier hinten am Kotflügel? Das sieht aus als hätten Sie da mal über einen Lackschaden mit grüner Sprayfarbe drüber gesprüht."
"Das... ja. Das hab ich wohl."
Der Messias blieb freundlich.
"Hat das Auto noch sonstige Mängel?"
"Nun, die Bordbeleuchtung funktioniert nicht mehr. Nicht richtig. Also, nur in Teilen. Und der Geber ist kaputt."
"M-hm."
"Wegen Ihrer ursprünglichen Schätzung..."
"Ja, also da würd ich mal sagen, eins fünf. Ich denke das ist ein sehr faires Angebot."
Eins fünf? fragte ich das Universum.
Das Universum befindet sich zur Zeit auf Urlaub in Beteigeuze. antwortete der Pressesprecher des Universums.

Heute habe ich den Kaufvertrag unterschrieben. Es war alles in allem denke ich immer noch ein verdammt guter Deal. 7900 für einen Neuwagen. Allein der Geruch war es wert. Nächste Woche ist die feierliche Übergabe und ich werde Lucy 3 zum Schlachter fahren. Ich glaube, sie ahnt etwas. Eben sprang sie jedenfalls nur sehr widerwillig an.




12/23/2010

Päckchenwatch und Capgras

Obwohl ich mich diesmal wirklich frühzeitig gekümmert habe wegen Weihnachtsgeschenken, wird auch diesen Heiligmorgen das passieren, was seit etwa vier Jahren traditionell immer passiert: Ich verbringe den ganzen Vormittag in der Küche und warte darauf dass es klingelt und der DHL-Mann das eine Päckchen bringt, das noch fehlt. Was er bisher in zwei von vier Fällen tat. Es bleibt also spannend. Es gibt aber Grund zum Optimismus, habe ich doch eben gelesen, dass die Post dieses Jahr am 24. Dezember „4000 zusätzliche Paketengel“ aufbietet, die der Masse an Paketsendungen Herr werden sollen. Cool fänd ich ja, wenn sie den Paketengeln auch so gelbe Engelsflügel ankleben, aber viel Hoffnung hab ich da nicht.

Letzte Woche habe ich von einer abgefahrenen, seltenen - aber nicht extrem seltenen - Krankheit gelesen, dem Capgras-Syndrom. Das Capgras-Syndrom ist eine psychiatrische Krankheit, die sich - und das ist das faszinierende - fast variationslos in der immer selben Wahnvorstellung äußert und dabei doch ganz materialistisch einer beschädigten Gehirnregion zuzuschreiben ist. Erkrankte erliegen der Überzeugung, dass ihnen nahestehende Menschen durch Doppelgänger ersetzt wurden. Keine Ahnung, keine Vermutung - eines Tages wissen sie es einfach.

Wie jede gute Wahnvorstellung lebt auch die durch Capgras ausgelöste davon, dass sie nicht logisch widerlegbar ist. Ich meine, wer kann schon wissen dass der Mensch, der da nebenan aufwacht, der oder dieselbe ist, mit der man abends eingeschlafen ist? Wer kann schon beweisen, dass der nette Kollege, der heute die Brötchenbestellung zum ersten Mal seit drei Jahren falsch zusammengestellt hat, wirklich der nette Kollege ist, der noch gestern die korrekte Anzahl von Sesambrötchen, Mohnsternen und Zimtwuppies in der Tüte hatte? Wer kann schon zweifelsfrei feststellen, dass die Eltern, die einen am ersten Weihnachtsfeiertag strahlend begrüßen, dieselben sind, die einem noch drei Wochen zuvor die Hölle heiß gemacht hatten, weil man immer noch keine Winterreifen aufgezogen hatte.

Und irgendwie... je länger ich drüber nachdenke... hatte man nicht eh immer schon so eine Ahnung.... hatten sich zuletzt nicht auffällig viele Leute auffällig stark verändert?

Besser nicht weiter drüber nachdenken. Interessant aber, wie dieses Thema auch in Unkenntnis des Syndroms offensichtlich im kollektiven Unterbewusstsein verankert ist - wobei ich postuliere, dass man den Grad der Verankerung eines Konzepts im kollektiven Unterbewusstsein anhand der Anzahl von dessen Inszenierungen in Kunst und Popkultur messen kann. Man schaue sich zB nur mal Don Siegels Klassiker "Die Dämonischen" an, in der Menschen von außerirdischen Bohnen verschlungen und durch willenlose Duplikate ersetzt werden. Oder die wahrscheinlich beste aller 37 He-Man Kasetten, in der He-Man entführt und durch Skeletors He-Man-Roboter "Faker" ersetzt wird. (Was für eine coole Folge!) Oder die Geschehnisse nach Supermans Tod, als er von gleich vier Doppelgängern beerbt wurde, die Böses im Schilde führten (aber alle einer tragischen Fehleinschätzung der Marketingstrategie des DC Verlags erlagen, die zur Auferstehung Supermans nur wenige Wochen später dank kryptonischer Regenerationsmatrix führte). Oder einfach irgendwas von Kafka.

Das Syndrom schlägt plötzlich zu, es gibt keine längere Phase sich aufbauenden Misstrauens. Wenn Sie also eines Tages das Gefühl haben, dass der DHL-Mann, der da klingelt, gar nicht der DHL-Mann ist, der gestern geklingelt hat - nicht gleich schießen. Vielleicht ist das alles nur in ihrem Kopf. (Es sei denn, es ist einer von den "Paketengeln". Ich denke, dann ist schießen OK.)

9/11/2010

Unvermeidbar: Sarazzin oder Ecce Homo

Obwohl man den Namen Thilo Sarazzin im Moment a) nicht mehr hören kann und man b) solche in letzter Konsequenz substanzlosen Medienhypes nicht noch weiter befeuern sollte, ist mir in den Artikeln, die – zumindest – ich dazu gelesen habe, aufgefallen, dass doch zwei recht interessante Aspekte darin nicht behandelt werden. Und das, obwohl man aus diesen zwei Aspekten eine interessante, wenn auch recht misanthropische Schlussfolgerung ziehen kann.

Da ist zum einen die Tatsache, dass Sarazzins Buch bei Erscheinen ein anderes Buch von Platz #1 der Bestsellerliste verdrängt hat, welches sich im Grunde mit der selben Thematik beschäftigt: Kirsten Heises „Das Ende der Geduld“, das ich zufällig sogar gerade gelesen habe, und das sich ungleich konstruktiver, bei gleicher Direktheit und Offenheit, mit der Integrationsproblematik auseinandersetzt.

Und zum anderen, dass Sarazzin vor nicht all zu langer Zeit noch Schlagzeilen machte (und gerade von den Jubelpersern, die ihn jetzt unreflektiert zum Helden stilisieren, dafür gehasst wurde), indem er sich für eine starke Reduzierung der Arbeitslosenunterstützung stark machte, und postulierte, man könne von 4 Euro am Tag prima leben.

Was sagt uns das.

Im Grunde doch nur eins:

Der Pöbel (und hierbei seien alle Akademiker herzlich eingeschlossen) ist nur zu gerne bereit, einen konstruktiven Diskurs zugunsten wirrer Eugenik-Argumentationen aufzugeben, solange er dafür nur endlich mal wieder so richtig schön hassen kann.

Er ist nicht ansatzweise an konstruktiven Lösungsvorschlägen interessiert, solange er dafür nur endlich mal wieder so richtig schön hassen kann.

Er ist nur zu gerne bereit, zu vergessen, dass man ihm gerade noch auf zynischste Weise das Notwendigste absprechen wollte; solange er dafür nur endlich mal wieder so richtig schön hassen kann.

Damit tritt hinter dem Bedürfnis, endlich mal wieder großflächig dissen zu können, so ziemlich jedes andere Bedürfnis zurück. Und man kann es sich sogar mittels der alten "Man-muss-mal-sagen-dürfen"-Rhetorik schönreden.

8/29/2010

Expendable Inception

Als großer Filmfreund erlebte ich irgendwann den Knacks. Dieser nicht zeitlich zu verortende Moment, der wahrscheinlich gar kein Moment, sondern eine lange Phase stetiger Rezeption ist, in dem sich eine Gewissheit ins Bewusstsein frisst: Nichts wird mich mehr wirklich flashen, denn alles, was produziert wird, ist letztlich Variation, und wenn man ein genügendes Maß an Variation verschlungen hat, wird ebendiese redundant. Man erkennt die wiederkehrenden Muster und beraubt sich selbst der Faszination des Unerwarteten und gänzlich neuen, die einen als Vierzehnjährigen selbst bei Sachen wie Ghostbusters 2 noch ungläubig augenreibend in die Kinosessel presste und dem Inhalt noch Wochen später jedem, der es so gar nicht hören wollte, im Minutendetail erzählen ließ. Der Knacks war ein trauriger Moment, aber ein scheinbar unvermeidbarer. Die Magie des Kinos war dahin, es blieb nur die Coolness des Moments.

Diese Woche hat sich dieser Knacks von selbst geheilt. Ich war zweimal im Kino und beide unglaublichen Male war es wie beim ersten Mal Kino überhaupt, wenn auch bei beiden Besuchen aus völlig anderen Gründen wie damals beim Fahrradflug aus E.T.

Der erste Film, den ich sah, war „Inception“. Der Grund für den oben beschriebenen Effekt war hier: Dass Sehgewohnheiten und Erwartungen an das, was ein Film leisten kann, so grundlegend zunächst auf den Kopf gestellt und dann überboten wurden, dass man erst vor Glück heulen wollte und dann, danach, die Welt mit anderen Augen sah, in der ständigen Furcht, man würde irgendwann, in einer realweltlichen Situation, plötzlich Edith Piafs „Je ne regrette rien“ hören. Oder dass der Kreisel einfach nicht mehr umkippt. Und so lange das nicht geschah, konnte man sich immer noch fragen, ob Cobb einfach nur von seinem letzten Trip in den Limbo nicht mehr zurückgekehrt war, oder ob die gesamte Geschichte auf einer fünften Ebene spielte und seine Frau, als sie sich aus dem Fenster stürzte, im Grunde recht hatte.

Der zweite Film war „The Expendables“. Der Grund hier: Weil dieser Film eine Einheit zwischen sich und dem Zuschauer, zumindest dem in den 80ern großgewordenen, herstellte, die so verstörend intensiv und gleichzeitig lustig war, dass ich mich im Nachhinein frage, wieso zum Geier so viele Teens da rein gerannt sind und ihn zumindest in den Staaten zu einem derartig großen Erfolg gemacht haben, obwohl die eigentliche Prämisse doch so völlig an ihnen vorbeigegangen sein muss: Nämlich eine Geschichte von und für und über die Anhänger und Akteure des großen, gradlinigen und Tech-freien Actionfilms einer Zeit vor iPhone und Blackberry zu erzählen und gleichzeitig deren Schwanengesang zu inszenieren. Alle alten Recken, von der Botoxruine Stallone bis zum Präsidentenanwärter Schwarzenegger, kleiden hier die Geschichte ihrer Hochzeit und die Notwendigkeit ihres Abstiegs in einen B-Film, der sich selbst noch während der Laufzeit überholt und im Pulverdampf über den Leichenbergen der lächerlich eindimensional Bösen schließlich komplett in der Metaebene verflüchtigt. Sie haben ihre geschundene Fresse und ihre malträtierten Körper buchstäblich für uns respektive ihre Karriere hingehalten und entlassen uns mit einem ultimativ sentimentalen Schulterschluss in eine Zeit, in der wir uns mit billigeren, wenn auch ganz und gar nicht uncoolen TV-Kopien wie Jack Bauer begnügen müssen, während die nächste Generation sich den bei Sonnenlicht diamantglitzernden, metrosexuellen, empathischen Selbstzweiflern widmen darf.

Hoffentlich ruinieren sie es nicht durch zweite Teile. Aber eigentlich glaub ich nicht, dass sie das machen werden.

8/26/2010

Die Vögel

Meine neue Wohnung hat ziemlich große Fenster, die jetzt so ziemlich den ganzen Sommer lang Tag und Nacht offen standen. Ich mag die frische Luft und direkten Kontakt nach draußen, und die paar Insekten mehr im Haus machen mir nichts aus. (Angst habe ich nur vor diesen wirklich dicken, pelzigen Spinnen, die meine ehemalige Vermieterin mir oft in Abwesenheit in die Wohnung setzte, aber damit ist es ja nun vorbei, und von selbst finden die mich hier nicht.) Dafür habe ich seit einer Woche ganz andere Besucher.

Mehrmals bin ich jetzt bereits in die Wohnung gekommen und habe Kohlmeisen dabei erwischt wie sie auf meinem Küchentisch die Krümel aufpickten oder im Wohnzimmer auf der Couch herumhüpften. Gestern hat mir zum ersten Mal eine in die Spüle gekackt.

Das ganze hat eigentlich weniger was von Disney und mehr was von Hitchcock. Ich könnte die Fenster natürlich einfach schließen, aber das will ich irgendwie nicht, so lange noch etwas Sommer ist.

Oder besser gesagt, ich rede mir ein dass ich das nicht will. In Wahrheit habe ich einfach Angst, was die Kohlmeisen wohl machen würden, wenn sie jemand wütend macht.

7/31/2010

Crash

Vorgestern

Super Urlaub, easy auf der Autobahn unterwegs und FLASH. Zu schnell. Viel zu schnell. Leider auf der deutschen Autobahn. Geblendet vom Licht (Ein stationärer Blitzer! Ich Volldepp!) blicke ich auf die Tachonadel, und die bewegt sich gerade in dem magischen Grenzbereich, in dem die Entscheidung fällt, ob man einfach nur zahlen muss oder doch einen Monat lang die Kollegen um Mitfahrgelegenheiten wird anschnorren müssen. Diese Entscheidung wird also erst der Brief bringen. Wütend und gefrustet fahre ich weiter bis ans Ziel, verärgert über mich selbst, wütend über den Psychoterror, die rechte Fahrspur nicht mehr verlassend.

Was für eine Ungerechtigkeit! Was für ein schlechtes Karma!

Gestern

Wieder auf der Autobahn. Immer noch verärgert, einen Ticken mehr über mich selbst und einen Ticken weniger über den Psychoterror. Dem Konditionierungsgedanken der Direct-Response-Theorie entsprechend langsamer und vorsichtiger. Plötzlich bremst der Wagen vor mir abrupt ab (und der reptilische Hirnteil nimmt irgendwie auch wahr, dass der Wagen vor dem Wagen vor mir der Auslöser ist) und ich steige reflexartig in die Eisen. Die Reifen quietschen, der Wagen schlingert, ich fange ihn ein. Entschleunigt von 100 auf 30 blicke ich reflexartig in den Rückspiegel. Der Wagen, der auf mich zurast, bremst nicht, oder jetzt doch, aber zu spät, es wird krachen (und der reptilische Hirnteil nimmt irgendwie auch war, dass die Fahrerin tatsächlich am Handy hängt). Sie bremst, sie schlingert, umkrallt das Lenkrad (wo ist das Handy?) und es kracht doch nicht, zumindest nicht auf mich, dafür auf die Betonplanke. Der Wagen prallt vom Beton ab, gerät auf den Mittelstreifen, rammt einen anderen Wagen (ich sollte nach vorne blicken nicht nach hinten) und der schert aus, auf den linken Streifen, knallt seitlich ins Heck eines weiteren Wagens (das kann nicht gutgehen, was wenn), der auf den Seitenstreifen gedrückt wird und zum Stehen kommt. Der erste Wagen schrammt zurück an die Betonplanke und bleibt stehen, der mittlere Wagen (noch Platz vor mir, wieso hat sich der Abstand nicht verringert, war das jetzt echt nur eine Sekunde?) fährt/schleudert quer über alle drei Streifen, rammt niemanden, fängt sich, fährt auf den Seitenstreifen. Ich setze den Blinker und folge. Ich weiß nicht, wieso, vielleicht kann ich ja helfen oder zumindest nachsehen (Ich will runter von der Fahrbahn). Der Verkehr läuft weiter. Es war wirklich nur eine Sekunde. Die Wagen vor mir haben es vielleicht gar nicht realisiert. Die Wagen, die jetzt durchfahren, fahren merklich langsamer; es gibt was zu sehen. Ich steige aus, der Fahrer des Wagens, der hinter mir zum Stehen gekommen ist und links und rechts zersägt ist, ebenso. Erstaunlich weit weg stehen die beiden anderen Fahrzeuge. Eins qualmt. Ich spreche kurz mit dem sichtlich mitgenommenen Fahrer des Wagens und seiner auffallend hübschen Begleiterin. Biete an, noch mit ihnen auf die Polizei zu warten, falls sie irgendwie einen Zeugen für die Versicherung brauchen oder so. Er nimmt dankend an, obwohl uns glaub ich beiden klar ist, dass das eigentlich überflüssig ist; aber so kann man runterkommen durch Unterhalten während der Wartezeit. Als ich schließlich wieder einsteige, wird mir klar, dass ich nicht angeschnallt war.

Was für ein Glück! Was für ein gutes Karma!

7/07/2010

0:1

Gott sei Dank hab ich nicht den LED Fernseher gekauft.

7/03/2010

Nachlese

Aufgrund der krassen Hitze traute ich mich heute anlässlich des Deutschlandspiels nicht in größere, schlimmstenfalls schattenlose Menschenmengen und schaffte es, fernsehanschlusslos wie ich bin, gerade noch so, bei Bekannten privat im Wohnzimmer unterzukommen. Das hatte den angenehmen Nebeneffekt (also neben der Ventilatorkühle, dem unbegrenzten Becks-Vorrat und der stets freien Toilette), dass ich endlich einmal dem Fernsehkommentator lauschen konnte. Bela nämlich ist heute zu Höchstformen aufgelaufen, inspiriert durch das extremst erfolgreiche Spiel der deutschen Mannschaft und die ständigen, gnadenlosen Close-Ups der Regie auf Diego und seinen Rosenkranz. Die beiden genialsten O-Töne seien hier kurz wiedergegeben für alle, die von grölenden Menschenmassen umgeben waren:

Diego Maradona kennt keine Grautöne, außer in seinem Bart.

Mit seinem Anzug sieht Diego Armando Maradona aus wie ein Rinderbaron.

Lohnt sich eben doch, so ein Kommentar. Aber irgendwie ist das ja auch ein negatives Aufflammen nationalistisch geprägter Ressentiments, siehe auch den BILD-Aufmacher "Wir hauen Messi auf die Fressi" oder die Schweinsteiger-Äußerungen im Vorfeld, welche im krassen Widerspruch zu den vor Spielbeginn verlesenen Kapitäns-Statements zur Völkerverständigung stehen. Ich meine, bloß weil man erst die Ex-Knackis, dann die Klippenpisser (danke Patrick!) und schließlich die Viehtreiber weggepustet hat, muss man doch nicht gleich wieder so auf die Kacke hauen.

Ansonsten muss hier endlich mal berichtet werden, dass meine Möbel schließlich doch noch eingetroffen sind. Das ist zwar bereits wieder ein paar Tage her, aber nachdem ich hier die Vorgeschichte so episch ausgebreitet hatte, sei diese kleine Coda erlaubt. Überhaupt habe ich mit der Lieferdauer scheinbar noch ziemliches Glück gehabt, wie ich von einigen relativ zeitgleich umziehenden Bekannten (oder solchen, die einfach aus ihrem Erfahrungsschatz heraus plauderten) erfahren habe. Offenbar sind Lieferzeiten von bis zu drei Monaten bei vernünftigen Möbelhäusern, also solchen, die noch über individuelle Möbel verfügen, völlig normal. Bei mir war es ja dann doch nicht mal ein ganzer Monat. Dafür lebe ich jetzt in einem IKEA Showroom. Wobei in einem solchen sicherlich nicht die verschiedenen Inkarnationen von Superman, inklusive dem bösen Superboy Prime von Erde-2, als Actionfiguren in der Vitrine Detolf stehen. Wie Tyler Durden sagte: "You are not your Swedish furniture!".

Kurz eingehen möchte ich hier noch auf den Erwerb meines neuen Kühlschranks, das einzige Einrichtungsstück, dass nicht von IKEA stammt. Nachdem der mir versprochene Kühlschrank meines Vormieters von einer parallelen Dimension verschlungen worden und schließlich durch einen spatialen Riss in der Raumzeit wieder im Keller als Biervorratsschrank materialisiert war, stand ich quasi ohne Joghurt und Wagner-Pizza da. Auf der Suche nach einem neuen Exemplar fand ich aber nur Kühlschränke, die entweder sehr viel kosteten, oder den Energieverbrauch einer Ölbohrstation aufbrachten, oder einfach Schrott waren. ("Nein, das ist nur ein Eiswürfelfach, kein Kühlfach, wieso, planen Sie denn größere Mengen einzufrieren?"). Doch einer stand da bei SATURN, der war so wunderschön, so strahlend, so weiß, und sein Kühlschranklicht leuchtete in allen Primärfarben. (Dass das Kühlschranklicht beim Schließen der Tür verlischt, ist übrigens die letzte große Lüge, mit der die Rothschilds uns indoktriniert haben.) Ebendieser Kühlschrank prangerte gleichzeitig vorne auf einem PROMARKT Flyer für 100 Tacken weniger als Lockangebot zur Neueröffnung (und war natürlich Nanosekunden nach Ladeneröffnung nicht mehr vorrätig gewesen). Hier kam die Magie des SATURN Preismarketings ins Spiel - die Tiefpreisgarantie. Ich zückte also den Flyer und forderte den Kühlschrank zum Konkurrenzpreis. Der SATURN Mitarbeiter zögerte und sagte dann, er müsse erst nachfragen. Er verschwand und kehrte kurze Zeit später mit einem Kollegen zurück. Dieser ließ sich mein Anliegen nochmals schildern (obwohl er es auf dem Weg rüber von der TV Abteilung sicherlich schon von seinem Kollegen gehört hatte) und erklärte dann nach kurzer Überlegung tatsächlich: "Also da muss ich erst nachfragen." Er schloss noch an, dass er erst seit einigen Tagen hier arbeite und nichts falsch machen wolle. Beide verschwanden erneut in den Gängen zwischen Haushaltsgeräten und Espressomaschinen und kehrten schließlich, diesmal in Begleitung einer weiblichen Angestellten, zurück. Erneut musste ich mein Anliegen vortragen, die SATURN Leute wechselten einige Blicke - es war diese Form wortloser Kommunikation wie zwischen Maradona und dem eigentlichen Trainer der argentinischen Nationalmannschaft - und schließlich sagte die Frau beinahe widerwillig: "Ja wenn das so ist, dann ist das so, dann machen wir das." Und nach einigem Papierkram konnte ich das Teil dann einpacken. Ich war im Nachhinein doch etwas überrascht, wie knauserig sich ein Unternehmen, das im Falle eines WM Sieges tausende von LED Fernsehern verschenkt, wegen solchen Peanuts anstellen konnte. Was mir ebenfalls im Gedächtnis blieb, war der Name des Mitarbeiters #2 - Marco Müll - und der Gedanke an die grauenhaften Qualen, die er in den großen Pausen während der Mittelstufe durchlebt haben mochte.

Um wirklich guten Gewissens den Wahres-Tag unter diesen Artikel setzen zu können, müsste hier eigentlich noch erwähnt werden, dass diese scheinbar so einfache Einkaufsaktion mehrere Hin-und-Herfahrten zwischen PROMARKT und SATURN sowie einen vorübergehenden Verlust all meiner Schlüssel auf einer PROMARKT Informationstheke involvierte, aber das würde den Rahmen wohl sprengen.

6/28/2010

Practical Angel

Vor zwei Wochen bekam ich, nur tragische anderthalb Kilometer von zu Hause entfernt, einen Platten. Zum Glück hatte ich, und das wird alle die mich kennen überraschen, ein Ersatzrad im Kofferraum. Nachdem selbiges montiert war, nahm ich mir vor, gleich am nächsten Tag ein neues Ersatzrad zu besorgen. Jedoch, und das wird alle die mich kennen kein bisschen überraschen, vergaß ich das gleich wieder.

Heute Morgen dann ist mir auf der Autobahn ein weiterer Reifen geplatzt. (Ehrlich gesagt ist er nicht geplatzt, sondern während der Fahrt langsam eingeplättet, was am Steuerverhalten des Wagens, retrospektiv betrachtet, schon vor der Autobahnauffahrt zu spüren war - aber wer wäre so hummeldumm, trotzdem aufzufahren? Keiner. Also sagen wir mal, er ist plötzlich geplatzt.)

Da stand ich also auf dem Seitenstreifen und hatte kein Ersatzrad dabei. Zum Glück, und das wird alle die mich kennen überraschen, hatte ich ein Warndreieck dabei, um die Pannenstelle abzusichern. Leider, und das wird alle die mich kennen kein bisschen überraschen, hatte ich kein Handy dabei.

Langsam dämmerte mir, in was für eine Situation ich mich da gebracht hatte. Kein Ersatzrad, kein Handy. Auf der Autobahn hält niemand an. Nachvollziehbarerweise.

Also trottete ich los, den Seitenstreifen entlang, mit permanent ausgestrecktem Anhalter-Daumen, aber natürlich bretterten sie alle vorbei. Ich überlegte, wie viele Kilometer ich wohl von der nächsten Ortschaft entfernt sein mochte; ob man mich an meiner Arbeitsstelle wohl schon vermissen würde; und dann, ein Gedanke der sich gemein und hinterrücks in mein Bewusstsein schlängelte, dass ich wohl gerade zu einem dieser mysteriösen Phantomidioten geworden war, die im Radio täglich die Verursacher der allseits bekannten "Auf-der-A-x-befinden-sich-Personen-auf-der-Fahrbahn"-Meldungen sind. Die, bei denen man sich immer fragt, "Was für Vollpfosten sind das eigentlich, die da auf der Autobahn rumrennen".

Und dann das Unglaubliche. Ein alter weißer Nissan Micra setzt den Blinker, entschleunigt, und fährt auf den Seitenstreifen. So fühlt sich ehrliche Dankbarkeit an. Die Fahrerin war eine unglaublich freundliche, auf die 50 zugehende Dame. Man merkte ihr an, dass sie angespannt war, dass dieser Stopp auf der Autobahn etwas mehr als unvorhergesehenes für sie war, etwas, dass sie ein klein bisschen verängstigte, sie verunsicherte, etwas, dass sie lieber nicht getan hätte. Doch nichts davon ließ sie mich spüren; es war ihr ganz offensichtlich ein solches Bedürfnis gewesen, zu helfen, dass sie ihre Bedenken ignoriert und angehalten hatte.

Mit ihrem Handy konnte ich meine Arbeitsstelle und den ADAC-Mann rufen, er kam binnen Minuten. Auch für ihn war ich dankbar, aber nicht ansatzweise so dankbar wie für die Fahrerin des weißen Micras, die ich nicht einmal nach ihrem Namen gefragt hatte und die längst wieder hinter der Kuppe der Autobahn verschwunden war. Ich würde sie im Radio grüßen, aber ich bin mir beinahe sicher, dass sie kein Radio hört.

6/16/2010

Der Epilog vom Ende

Als ich heute morgen meine neue Wohnung verließ, fand ich auf dem Fußabtreter vor meiner Tür einen Brief. Lange Zeit starrte ich ihn einfach nur an, unfähig mich zu bewegen, unfähig zu handeln, unfähig zu denken. Irgendwann aber hatte ich mit übermenschlicher Anstrengung die aufwallende Panikattacke überwunden, hob den Brief auf und starrte auf die handgeschriebene, symmetrisch perfekt austarierte, mit Breitfeder geschriebene Adresszeile, die nur aus meinem Namen bestand. Die Post hatte mit dem Transport dieses Schreibens nichts zu tun gehabt. Kein menschliches Wesen hatte das.

Ich wartete, bis meine Finger nicht mehr zitterten wie ein Jack Russel Terrier bei der Heimkehr seines Herrchens und öffnete den Umschlag. Ich entnahm das perfekt gefaltete Blatt und schlug es auf.

Sie haben möglicherweise bei Ihrem Auszug versehentlich zwei Regalaufhängungen der in der Wohnung installierten Regale eingepackt. Bitte bringen Sie sie zurück. Ich müsste mich sonst selbst darum kümmern, welche zu besorgen.

Ich zerknüllte den Brief und ließ ihn fallen. Als ich ins Auto stieg und das Radio anschaltete, wusste ich, welches Lied laufen würde, noch ehe die Boxen ansprangen.

Tikiesque

In einer Wohnung ohne Möbel zu leben, hat viele Vorteile. Ich finde beispielsweise zur Zeit große Gefallen daran, wie...
- meine Surroundanlage, obwohl nur die billigste Variante der Teufel-Soundsystem-Line, plötzlich wirklich wie im Kino klingt
- ein Feuerzeug nicht *snik* sondern *FUMP* macht
- ich mich der Illusion hingeben kann, ich hätte die Tiki-Küstenmacher-Philosophie für mich wirksam gemacht
- ich endlich eine Ausrede dafür habe, nichts zu finden
- ich den Boden als neue und größte Arbeits- und Ablagefläche entdeckt habe, die jeder Schreibtischauflage spottet
- ich überall kleine rote Kerzen hinstellen und so tun kann als lebte ich in einem Stone Temple Pilots Video
- ich gedanklich jeden Tag zu einer neuen Begrüßung für den IKEA Spediteur inspiriert werde (zB "Godot! Endlich!"), aus denen ich kleine Rankings erstellen kann
- die Wohnung lächerlich groß wirkt

Daraus hätte ich eigentlich eine gute Liste der Woche machen können.

6/11/2010

IKEA hassen und lieben und wieder hassen lernen

Ich hasse IKEA. Das ist immer schon so gewesen, seit meinem ersten Besuch anlässlich meiner ersten WG-Bude, als ich einfach nur einen dieser superbilligen Tische kaufen wollte und mich dazu für einen Samstag entschied - voller Gedränge, knuddeligen designierten Familien und Kevin-möchte-aus-dem-Kinderparadies-abgeholt-werden-Durchsagen. Dementsprechend schob ich den Besuch anlässlich meines erneuten Umzugs möglichst lange vor mir her.

Aber irgendwann musste es eben sein, also stürzte ich vor einigen Tagen schließlich wieder rein in den Schwedenladen, der, wie man hört, mittlerweile fast ausschließlich in China produzieren lässt. Doch diesmal war alles anders. Es war Mittwoch Abend, IKEA praktisch verwaist, ich hatte eine unglaublich entspannte und kompetente Einkaufsberaterin aus meinem Freundeskreis rekrutiert, fand auf Anhieb alles, was ich brauchte, und zog am Ende des Besuchs mein Fazit - IKEA ist schon cool.

Dann aber beging ich den entscheidenden Fehler: Ich war bzgl. eines Möbels (Finden Sie eigentlich auch, dass das Wort "Möbel" über eine inhärente Komik verfügt oder ist das wieder nur in meinem Kopf?) unsicher, und beschloss, nochmal wieder zu kommen und erst dann die Großbestellung aufzugeben. Ich wollte eh liefern lassen, hatte den Einkaufszettel soweit fertig, und mutmaßte, dass der zweite Besuch eine noch entspanntere Blitzvisite werden würde.

Natürlich kam es anders. Für den zweiten Besuch wählte ich - die Mechanismen des IKEA-Horrors noch nicht durchschauend - das Wochenende und fuhr alleine. Im dichtest-denkbaren Gedränge brauchte ich sodann trotz Liste etwa 90 Minuten, um mich einmal durchschleusen zu lassen - nur um dann, beim allerletzten Artikel der Liste, festzustellen, dass ich ebendiese Liste irgendwo liegengelassen hatte und auch nicht mehr finden konnte. Also das ganze von vorn - diesmal dauerte es etwas länger, da mein Gedächtnis erste stressbedingte Aussetzer aufwies.

Nachdem ich also gut drei Stunden nach meiner Ankunft endlich die Kasse passiert hatte, mit einer Transportliste voll schwedischer Möbel in der Tasche und einem fertig montierten Ausstellungsstück auf dem Wagen, die Ohren taub von Kevin-Durchsagen, stellte ich mich am Transportschalter an. Dort wartete ich etwa eine dreiviertel Stunde (während der eine Durchsage ertönte, die eine Kundin aufforderte, zum Infoschalter zu kommen, da ihre verlorene Einkaufsliste gefunden worden sei, was mir für einen Moment der Schwäche die Tränen in die Augen trieb). Als ich dann endlich dran war, informierte mich die Schalterkraft, dass montierte Stücke nicht transportiert werden könnten. Entnervt wollte ich die Scheißkommode "Hemnes" zurückgeben, jedoch - kein Rückgaberecht für Ausstellungsstücke.

Hemnes war zu groß für meinen Wagen. Natürlich nur um wenige Zentimeter, aber eben zu groß. Mir blieb also nichts anderes übrig als das Teil vor Ort in seine Einzelteile zu zerlegen. Nun ist Handwerkliches nicht eben meine Stärke, und so ging eine weitere knappe Stunde drauf, an deren Ende ich mir in der Schalterhalle eine treue Fanbase erarbeitet hatte, die mit guten Ratschlägen und offensichtlicher Belustigung nicht geizte.

Schließlich, nach einem halben Tag, kam ich zu Hause an. Das sollte es jetzt aber gewesen sein; die Möbel (tihi... "Möbel"... haha) würden geliefert werden und die Sache wäre erledigt. (Die Tatsache, dass ich zu Hause bemerkte, dass ich irgendwie die Rückwand von Hemnes hatte bei IKEA liegen lassen, will ich hier nicht weiter ausführen.)

Am Tag des Liefertermins klingelte dann das Telefon. Der IKEA-Spediteur war dran, er wirkte professionell untröstlich und informierte mich, dass die Lieferung heute nicht stattfinden könne - man sei in einen Unfall geraten und der Kollege läge gar im Krankenhaus. Einen neuen Termin könne man nicht geben, ich solle die IKEA Hotline anrufen.

Das Menü der IKEA Hotline ist das nervenzerfetzendste, das ich jemals erlebt habe. Ich brauchte zwanzig Minuten um den Weg zu einem menschlichen Wesen zu finden - eine Mission, die nicht eben erleichtert wurde durch den penetranten schwedischen Akzent der Computerstimme. Entsprechend geladen machte ich mir dann schließlich bei dem Mitarbeiter Luft, der versprach, sich sofort drum zu kümmern und mich zurückzurufen. Nichts geschah. Eine Stunde später rief ich wieder an, kämpfte mich wie Hänsel und Gretel den Brotkrumen entlang in rekordverdächtigen fünf Minuten durchs Menü und hatte diesmal eine weibliche Mitarbeiterin an der Strippe. Nach einigen Angaben meinerseits rief sie den Bericht des ersten Gesprächs an ihrem Rechner auf, wobei sie, wie manche Leute das eben tun, das, was sie las, leise mitmurmelte: "Kunde aufgebracht wegen gescheiterter Lieferung... braucht die Möbel zum Wochenende... {unverständlich} ... die übliche Eskalation..." - "Die übliche Eskalation??" warf ich eine Spur zu scharf ein. Die Mitarbeiterin zögerte kurz und erwiderte dann: "Äh, was? Äh nein... nein... ich lese nur gerade... äh... also der Kollege hat hier jedenfalls kein Rückrufprotokoll eingeloggt. Bestimmt ein Fehler, entschuldigen Sie bitte", sagte sie in dem Tonfall, in dem eine Pflegerin einen randalierenden Psychotiker zu beruhigen versuchen würde. Ich war kurz davor "Ich will meine Möbel" oder etwas vergleichbar hysterisch-lächerliches zu schreien, vielleicht sogar ein grenzdebiles "Oder das wird Folgen haben", jedoch kam sie mir zuvor und erklärte, sie werde sich sofort darum kümmern und mich zurückrufen. Sie ließ sich meine Festnetznummer geben und meine Handynummer und rief nie mehr zurück.

Heute schließlich meldete sich ein weiterer IKEA Mitarbeiter bei mir und nannte mir den neuen Liefertermin. In einer Woche.

Im Grunde ist es jetzt aber auch egal, denn ich habe mein Bananenkisten-System mittlerweile perfektioniert. Eigentlich überlege ich sogar, ob ich die Möbel überhaupt noch brauche. OK, ein Bett wär schon schön.


6/02/2010

Das Ende vom Ende

Nun, da ich mich langsam in meiner neuen Wohnung einrichte und Schritt für Schritt in die Normalität zurückfinde, nun, da mein Provider wieder eine Verbindung hergestellt hat, mag die Zeit gekommen sein, das letzte Kapitel meines Auszugs zu erzählen.

Am Morgen meines Auszugs, die Sonne war gerade aufgegangen, klingelte es an meiner Tür. Es war der sonderbare Mann aus dem OBI. Wortlos, und ohne auf eine Einladung zu warten, trat er ein und schloss die Tür hinter sich. "Es ist an der Zeit", sagte er, "wir müssen schnell handeln. Wann kommen deine Umzugshelfer?" Ich zeigte auf die Bundesliga Uhr von der ARAL und antwortete: "Eigentlich jeden Moment." Ich war längst darüber hinweg, Rückfragen zu stellen. "Gut", erwiderte Obi-Wan, "nun gilt es. Wir haben die Aufmerksamkeit der Zerstörerin durch komplizierte Beschwörungen und das Opfer eines Grauschwanzeichhörnchens abwenden können, aber der Effekt ist nicht von langer Dauer. Der Bund hat mich für den schlimmsten Fall abgesandt, um sie aufzuhalten und dir einen Vorsprung zu verschaffen." Mit diesen Worten nahm er sich eine Bananenkiste und trug sie, noch während der erste Helfer klingelte, zügig die Treppe hinab.

Das Laden des Transporters vollzog sich schnell und ohne Zwischenfälle. Meine Vermieterin, die noch in der Nacht zuvor das Treppenhaus geputzt hatte, ließ sich tatsächlich während des ganzen Vormittags nicht blicken. Schließlich hatten wir den Transporter fast vollständig geladen. Wir standen im Hof. Obi-Wan (ich versuchte mich zu erinnern, wann ich begonnen hatte, ihn so zu nennen) war gerade wieder nach oben gegangen um die letzte Kiste zu holen, da geschah es. Die Wohnungstür meiner Vermieterin flog auf, ein grausiges Heulen ertönte, und sie betrat das Treppenhaus. Obwohl ich im Hof stand, konnte ich sie irgendwie, oben im Treppenhaus, vor mir sehen; auf irgend eine Weise musste sie im Laufe der Jahre eine Art mentale Verbindung zwischen uns errichtet haben, und warum auch nicht, schließlich gehörte ich ihr. Sie sprach nicht; um sie herum tobten Blitze und dunkle Wolken, ihre Augen waren pupillenlos (aus unerfindlichen Gründen beschlich mich ein Gefühl von Déjà Vu, ein Bussard schrie in weiter Ferne und klatschte dann mausetot in den Hof), und der mittelgroße Ficus vor ihrer Tür verlor schlagartig alle Blätter, die kurz um sie herumwirbelten, um sich dann in kleinen, perfekt symmetrisch angeordneten Häufchen auf dem Boden des Flurs zu sammeln.

"Fahrt los! Fahrt! Ich halte sie auf!" schrie Obi-Wan. "Aber die Bananenkiste!" schrie ich aus dem Hof herauf. "Vergiss die verdammte Kiste!" brüllte Obi-Wan zurück, und ich glaubte zu hören, wie er leise anschloss: "Wie konnte der Orden sich nur für diesen Kretin entscheiden." Da hörte ich die durch das perfekt polierte Treppenhaus tausendfach verstärkte Stimme meiner Vermieterin brüllen: "Neeeeeeeeeeein! Er gehört miiiiiiiiiiir! Diesen hier werdet ihr mir nicht neeeeeeeehmen!" Die Umzugshelfer sprangen panisch in den Transporter. Ich zögerte, trat in den Flur des Erdgeschosses, blickte nach oben, versuchte Obi-Wan und meine Vermieterin auszumachen. Ich sah, wie sie ihn umklammerte und ihre urplötzlich gewachsenen Fangzähne in seinen Hals schlug. "Diiiiiiiiiiiesen niiiiiiicht", brüllte sie mit einer grauenhaft verzerrten Stimme. Obi-Wan brach röchelnd zusammen, meine Vermieterin stemmte die Bananenkiste mit den Spider-Man Jahrgängen 96-99 und begann, sie immer wieder auf Obi-Wans Kopf zu schlagen. Sie war stärker als zehn Männer. Ich fasste das Silberkreuz und spurtete in den zweiten Stock hoch, zum Ort des blutigen Kampfes. Ich sah, dass ich zu spät war, dass Obi-Wans Kopf nur noch eine blutige, formlose Masse war. Wut erfüllte mich. Ich packte das Kreuz, stieß es ins Gesicht meiner Vermieterin und schrie: "Michael! Gabriel! Raphael! Ariel!" Nichts geschah. Meine Vermieterin lachte schrill, und Funken stoben aus ihren Augen. Von oben hörte ich mehrere Westerwelle-Cyborgs aus der Wohnung meiner Vermieterin die Treppe hinab strömen. "Uriel, meine ich!" kreischte ich. Das Kreuz erstrahlte in gleißendem Licht. Meine Vermieterin schrie nervenzerfetzend laut auf, ihre Haut warf Blasen, die Fenster des Hauses splitterten aus ihren Rahmen. Schließlich wurde sie leiser und leiser und blieb dann, endlich, reglos liegen. Es war vorbei, schien es.

Ich ging langsam die Treppe hinunter. Alle Helfer hatten es nun eilig. Wir schlossen die Ladetür des Transporters, quetschten uns in die Fahrerkabine und fuhren los. Es war tatsächlich gelungen. Sie war besiegt.

Und dann geschah es. Das Glasbausteinfenster des Treppenhauses explodierte in Höhe der Wohnung meiner Vermieterin und eine grauenerregende Gestalt - sie war es, aber es war nichts menschliches mehr an ihr - schwang sich hinaus ins Tageslicht, in einem Regen aus Westerwelle-Cyborg-Trümmern, breitete ihre Fledermausschwingen aus und landete so zielsicher wie schreiend auf dem Dach des Transporters. Ihre Krallen schlugen sich ins Blech. Sie begann, den Transporter von oben zu öffnen wie eine Büchse Anchovis.

"Das Kreuz, Mann!" schrie einer. Doch es war fort. Ich hatte es im Treppenhaus liegen gelassen. Eine fatale Ruhe überkam mich. Das war´s. Ich hatte verloren. Das Dach wurde weggerissen. Pupillenlose Augen starrten grinsend in die Fahrerkabine hinab. "Diiiiiiiesen niiiiiiiicht", gurgelte sie.

Der Transporter rumpelte mit 120 über einen der nervigen Geschwindigkeitsbegrenzungshügel, die Achse quietschte bedenklich, meine Vermieterin wurde von der Fliehkraft erfasst und weggeschleudert, konnte sich jedoch an der Beifahrertür direkt neben mir festklammern. Sie griff durch das mittlerweile zerstörte Beifahrerfenster und umklammerte bestialisch grinsend meinen Hals. Langsam drückte sie ihn trotz all meiner Gegenwehr zu. Mein Sichtfeld begann sich zu verengen. Es wurde dunkel um mich. Die Stringenz meiner Gedanken zerfaserte in ein graues Nichts. Die Schreie der Helfer rückten in unerreichbare Ferne.

Da, in der Dunkelheit, glaubte ich eine Stimme zu vernehmen. Es war Obi-Wan. "Ein Schweizer Taschenmesser ist ein nützlicher Helfer in allen Lebenslagen." Mit letzter Kraft griff ich in die Tasche meiner Jeans und fühlte den Griff des Schweizer Taschenmessers. Benommen, aber mit der Kraft der Verzweiflung, zog ich es hervor. Die Stimme meiner Vermieterin war keine Stimme mehr, nur noch ein gutturales, unheiliges Triumphgeheul. Die Sonne hatte sich verfinstert. Ich ließ den Flaschenöffner herausklappen.

Ich riss den Arm hoch und stieß zu. Mit einem markerschütternden Schrei ließ meine Vermieterin von meinem Hals ab. Mit ihrem verbliebenen Auge starrte sie mich für einen zur Ewigkeit gedehnten Sekundenbruchteil an, dann verlor sie den Halt an der Tür und stürzte unter die Räder. Es machte dumpf *bump* und gleich darauf noch einmal *bump*. Der Transporter bremste. "Nochmal! Rückwärts!" brüllte irgendjemand. Der Fahrer setzte zurück. *bump* *bump*

Der Wagen kam zum Stillstand. Vor uns lag ein unindentifizierbares, unangenehm breites Bündel auf der Straße. Minutenlang geschah nichts. Dann, plötzlich, brach das Bündel in grellgrüne Flammen aus und verdampfte binnen Sekunden zu einem klebrigen, gelblichen Fleck auf dem Asphalt.

Ruhe überkam mich. Ich wusste, ich hatte es geschafft. Es war endgültig vorbei. Ich war frei.

Ich tippe diese Zeilen am Abend des dritten Junis 2010. Das Ende einer Ära. Mögen sich zukünftige Generationen dessen erinnern.

5/27/2010

Die Mitte vom Ende

In den letzten Tagen war meine tiefe Besorgnis angesichts der langen Reihe von seltsamen Ereignissen rund um meinen Umzug reger Betriebsamkeit gewichen. Wie immer hatte ich die Dinge zu lange aufgeschoben und war nun so unter Zeitdruck geraten, dass ich schlicht keine Zeit mehr hatte, mir Sorgen zu machen. Zwei Tage noch - am Samstag würde ich umziehen. Das Radio mit Hotel California stellte ich einfach nicht mehr an, Briefe waren keine mehr gekommen, und vielleicht ließ sich die Sache mit dem Westerwelle-Cyborg und der Wetterkontrollmaschine ja doch nach dem Umzug noch mit ein paar Psychopharmaka in den Griff kriegen. Das alles konnte schließlich nicht real sein.

Heute Nachtmittag kam es dann zu der folgenschweren Begegnung bei OBI, die ich an dieser Stelle schildern möchte. Ein hagerer Mann in einer dunklen Kutte trat plötzlich lautlos und irgendwie würdevoll hinter einem Stapel Alpina-Weiß hervor. Seine eisgrauen Augen fixierten mich und flößten mir augenblicklich einen merkwürdigen, wenn auch nicht unangenehmen Respekt ein. Ich verkniff mir den offensichtlichen Scherz ("Obi-Wan? Du hier?"), tatsächlich brachte ich überhaupt nichts hervor. Da sprach er mich an.

- Der Tag ist gekommen. Das Spiel neigt sich dem Ende zu. Es wird Zeit, dass Du alles erfährst.
- Dass ich was erfahre?
- Die Wahrheit. Die Antwort auf deine Fragen und den Grund für deinen Weg.

Ich wollte mich umdrehen und gehen, konnte aber nicht.

- Du wirst am Samstag umziehen, nicht wahr?
- Woher wissen Sie das?
- Weil wir hinter allem stecken. Wir haben lange daran gearbeitet, dass Du genau jetzt dort stehst, wo du stehst.
- Vorm Farbenregal bei Obi?
- Ich meine das metaphorisch.

Er wirkte ungeduldig; so als würde er sich wünschen, ich wäre jemand anderes.

- Unser Geheimbund hat sich seit Jahrtausenden dem Kampf gegen die große Zerstörerin verschrieben.
- Sie meinen meine....
- Sprich ihren Namen nicht aus. Seit vielen Jahren haben wir dein Leben kontrolliert und deine Schritte gelenkt. Entscheidungen beeinflusst und Wege geebnet. Das alles nur, damit du jetzt genau hier bist. Du bist unsere Waffe. Du wirst uns endlich zum Sieg führen. Nicht so wie all die anderen vor dir.
- All die anderen vor mir?
- Das ist jetzt unwichtig. Dir wird gelingen, was deinen Vorgängern versagt blieb.

Eine unerklärliches Grauen ergriff Besitz von mir.

- Du fragst dich, was wir alles getan haben.
- Ja. Als ich zum Beispiel damals durch diesen sonderbaren Postverlust ein halbes Jahr Wartezeit in Kauf nehmen musste und dadurch an meiner aktuellen Arbeitsstelle endete...
- Das waren wir.
- Als ich das Examen bestand obwohl ich für die Prüfung nicht gelernt hatte?
- Das waren auch wir.
- Als mein Umzug nach NRW scheiterte?
- Das waren auch wir.
- Wer gibt Ihnen das Recht, so über mich zu bestimmen? Was ist mit meinem freien Willen? Ich... Sagen Sie, wissen Sie eigentlich, dass es da bis vor kurzem eine Serie gab, die sich um das gleiche Thema drehte, nur auf einer Insel?
- Das waren auch wir.
- Sie haben also alles in meinem Leben beeinflusst, bis hin zu zeitgenössischen Fernsehproduktionen?
- Und Literatur. Und Kultur. Und Politik, Religion, Kunst. Und nun neigt sich der große Plan dem Ende.
- Was... was muss ich tun?
- Ausziehen. Durch den Akt des Auszugs wirst du den uralten Bann brechen, der ihre Macht erhält.
- Und das wird schwierig, weil...?
- Du wirst rechtzeitig verstehen. Wisse nur, es geht um nichts geringeres als das Schicksal des Menschengeschlechts. Nur eins noch. Ich werde dir nun zwei Dinge geben, die Du brauchen wirst, um deine Mission zu erfüllen.

Ich wartete atemlos.

- Hier gebe ich dir ein silbernes Kreuz. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, rufe die Namen der vier Erzengel an - Michael, Gabriel, Raphael, Uriel - und es wird seine Magie freisetzen.
- Wie bitte? Das ist doch aus dieser Groschenroman-Serie. John Sinclair.
- Das waren auch wir.
- Verstehe.
- Ja.
- Gut. Und... und was ist das zweite?
- Was? Ach so, das zweite... ja, Moment... wo ist es denn... ah hier. Ein Schweizer Taschenmesser.
- Ein Schweizer Taschenmesser? Was zum Teufel soll ich mit einem Schweizer Taschenmesser?
- Muss ich dir denn alles erklären? Unglaublich. Ein Schweizer Taschenmesser ist seit jeher ein praktischer Helfer in allen Lebenslagen.

Ich starrrte ihn schweigend an. Er starrte zurück. Ich sah in seinen Augen, dass er die Wahl seines Geheimbundes auch nach all den Jahren nicht nachvollziehen konnte. Schließlich drehte er sich wortlos um und ging. Ich hörte ihn zu sich selbst murmeln:

- "Was soll ich mit einem Schweizer Taschenmesser? Was soll ich mit einem Schweizer Taschenmesser?" Unglaublich. Wie konnte der Orden sich nur für diesen Kretin entscheiden.

Dann verschwand er um die Ecke eines Regals. Ich blieb zurück und starrte auf den Stapel Alpina-Weiß. Ich versuchte mich zu erinnern, ob man zum Abdecken farbiger Töne einmal oder zweimal streichen muss.


 
Terror Alert Level