3/21/2010

Popgap

Ein unterschätzter Aspekt der in der täglichen Erfahrung im Grunde immer noch relativ ungreifbaren „Finanzkrise“ ist die Vernichtung von Marken. Als beispielsweise vor einiger Zeit Quelle die Segel streichen musste, habe ich mich lange Zeit gefragt, warum mich dieser Prozess auf seltsame Weise betroffen machte. Schließlich hatte ich nie etwas bei Quelle bestellt; und außer ganz früher, also in der Zeit des großen Abschieds aus der ersten Hörspielkassettenphase, als der Quellekatalog aus ganz anderen Gründen eine gewisse Faszination aus mich ausübte (natürlich wisst ihr was ich meine), hat dieses Unternehmen auch nie eine Rolle in meinem Leben gespielt. Ich war eigentlich sogar Krisengewinnler, als ich beim großen Quelle-Ausverkauf ein ziemlich cooles Sweatshirt kaufte, wie es sich für ein gewissenloses westliches Kapitalistenschwein gehört. (Und es - natürlich - nur knapp zwei Wochen später billiger bei Karstadt rumliegen sah.)

Ich habe erst verstanden, was mich an dieser Sache so beschäftigte, als ich mich vor einigen Wochen so über dies und jenes mit einem Bekannten unterhielt und der plötzlich sagte: „Tja Quelle gibt´s nicht mehr... irgendwie krass oder?“ Das war´s: Die Marke Quelle war weg. Eine Marke, die, so lange ich denken konnte, eine feste Größe war und im Zusammenspiel mit abertausenden anderen Faktoren meinen kulturellen Tellerrand bildete.

Marken stiften kulturelle Identität, sie sind, Dauerhaftigkeit und Größe vorausgesetzt,Wegbegleiter und sie transzendieren ein Produkt über dessen Beschaffenheit und Nutzen hinaus. Sie laden es mit Erinnerungen, Eindrücken und Gefühlen auf. Das ist per se weder gut noch schlecht, sondern lediglich ein Effekt, der sich eben einstellt und sicherlich auch bewusst genutzt wird. Und so entsteht, fällt eine solche Marke plötzlich weg, eine undefinierbare Lücke, ein Gefühl von Verlust, welches unabhängig von einer realen Anwendbarkeit existiert. Ein diffuses Gefühl, das logisch nicht greifbar ist; sich aber, da bin ich mir sicher, auch bei anderen Menschen einstellt, wenn der Märklin-Laden in der Mall dichtmacht, den man mangels Interesse an Modelleisenbahnen doch nie betreten hatte. Nicht umsonst war ein wichtiges Kennzeichen der unverhältnismäßig schnell wieder zu den Akten gelegten Popliteratur der 90er Jahre die Besessenheit mit Marken, wie sie zB in Christian Krachts „Faserland“ bis zum Exzess betrieben wurde.

Was macht Benjamin von Stuckrad-Barre eigentlich heute?

4 comments:

SirJonny said...

Ich finde Faserland würde sich gut als Deutschlektüre eignen.
Überhaupt Kracht. Vielleicht hat er's sogar darauf angelegt.

Und Stuckrad-Barre hat gerade diesen Monat seine erste Sammlung seit Jahren veröffentlicht und tourt zaghaft durch Deutschland.

Ronny said...

Faserland hab ich schon gemacht. Aber diese Sammlung würde mich interessieren.

SirJonny said...

Ja!
Irgendein Jounralist hat geschrieben, dieses Buch sei "wie Suckrad-Barre selber sagen würde 'egaler denn je'."

Ist irgendwie auch so, aber was heißt das schon.

Man erkennt jedenfalls deutlich Stuckrad-Barre darin und erinnert sich an die großartigen 90er...

Stefan said...

Ist S-B nicht der Zuständige für das Abhalten von Lesungen vor pubertierendem weiblichen Publikum ? Oder warst du das, Ron :-) ?

 
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