Heute Abend habe ich wieder mal "Speed Racer" gesehen. Jetzt gibt es wahrscheinlich zwei Sorten Menschen: Die überwältigende Mehrheit meiner zwei Leser, die sagt: "Speed Racer? Was ist das?" Und zum anderen jene, die sagen: "Warum zum Geier sieht sich jemand diesen finanziell gesehen absolut kolossalsten Flop der gesamten Filmgeschichte an, der in den USA und dem Rest der Welt zusammengenommen nur unbedeutend mehr Kinozuschauer hatte als dieser Blog Leser?"
Speed Racer? Was ist das?
Die Realverfilmung eines japanischen Anime-Klassikers, in dem es um einen familiären Rennstall um den Titelhelden Speed (Vorname) Racer (Nachname) geht, der sich in einem futuristischen Off-Limits Rennen mit noch futuristischeren Autos, das aber irgendwie trotzdem in den 60ern spielt, ein ums andere Mal gegen die abgrundtief böse Konkurrenz durchsetzt.
Und Warum zum Geier sieht sich jemand diesen finanziell gesehen absolut kolossalsten Flop der gesamten Filmgeschichte an, der in den USA und dem Rest der Welt zusammengenommen nur unbedeutend mehr Kinozuschauer hatte als dieser Blog Leser ?
Nun, diese Antwort fällt nicht schwerer, benötigt aber etwas mehr Platz. Und andererseits ist es auch wieder sehr einfach. Speed Racer ist ein unglaublich guter Film.
Vor einem Jahr brachten die Wachowski Brothers Speed Racer in die Kinos und scheiterten, wie noch nie jemand zuvor gescheitert ist. Und gewannen doch. Der Film erzählt die Geschichte des Rennfahrers Speed, der sich gegen sinistre Intrigen und einen scheinbar allmächtigen Rennstall-Moloch durchsetzt und das wichtigste Rennen der Welt gewinnt, um seinen familiären Mini-Rennstall und die Ehre seines in Verruf geratenen großen Bruders zu retten.
Na das ist ja mal ne komplexe Handlung.
Es geht hier nicht um die Handlung. Es geht um was ganz anderes.
Ach ja? Und um was?
Um einiges. Zunächst mal - werkimmanent - darum, wie es den Regisseuren gelingt, das Genre des japanischen Animes in einen Film umzusetzen. Ich selber bin kein großer Anime-Fan. Aber die Art und Weise, wie hier dieses Medium zutiefst verstanden, aufgearbeitet und transzendiert wird, sei es auf der inhaltlichen Ebene, auf der visuellen Ebene oder der kulturellen Ebene, lässt einen in die Knie gehen und um Gnade winseln.
Geschätze 57 Euro Gesamteinspielergebnis sagen etwas anderes.
Das ist wohl wahr, und nicht nur das Einspielergebnis, sondern auch die Tatsache, dass der Film nur ein Jahr nach Erscheinen bei Media Markt für 4,90 verramscht wird. Aber die Crux dabei ist nicht der Film.
Sag mir die Crux.
Der geneigte Zuschauer bekommt hier etwas geboten, auf das er sich zugegebenermaßen nur mit Mühe einlassen kann. Die pastellfarbenen, quietschbunten, völlig übertriebenen Bilder, die jedweder Logik oder Physik trotzenden Rennen, die tief in der japanischen Kultur verwurzelte Bildsymbolik gekoppelt mit westlichen Inhalten ist schlichtweg etwas so noch nie da Gewesenes und sicherlich nichts für einen Unterhaltungsfilm geeignetes. Aber schafft man es, sich darauf einzulassen, und hat man eine Begeisterung für popkulturelle Phänomene, wird man in einen Bilderreigen gesogen, aus dem es so schnell keinen Ausweg gibt. Das Problem ist, dass hier etwas als Actionfilm vermarktet wird, was eben dies nicht ist. Es ist Kunst.
Ah, das Kunstargument. Du meine Güte.
Was soll man machen? Es ist Kunst. So wie die Rennkarren übersteuert werden, wird auch das Medium übersteuert, wobei es - jederzeit kontrolliert - die Grenze zum Wahnsinn überschreitet. Und dabei doch vor Dialogen, Einsichten und einfach genialen Aha-Momenten strotzt, die ihresgleichen suchen. Am Ende explodiert alles in einem Showdown, der all die zuvor angesprochenen Elemente zusammenführt und zu etwas völlig Neuem verbindet. Text und metatextuelle Komponente fließen ineinander und lösen ein neues filmisches Erleben aus. Und der Zuschauer, der Matrix 4 erwartet hat, verlässt gereizt und verständnislos den Saal.
Na wenn Du meinst. Und was soll die bekloppte Überschrift?
Das ist das schönste an diesem Film. Die Wachowski Brüder hatten einst mit einem revolutionären Film - Matrix - die Sehgewohnheiten für immer verändert und auf einen neuen Standard gehoben. Die Symbiose aus perfekter Action und inhaltlicher Tiefe begeisterte Kritiker, setzte neue Standards (wann hat man zuletzt einen Film ohne Bullet-Time-Einstellungen gesehen?) und veranlasste literaturresistente Teenies, Literaturprofessoren und selbst Studenten-Bibelkreise, die einzelnen, philosophischen Subtexte zu analysieren. Und dann verkauften die Brüder ihre Seele dem Teufel, bzw den Studios (wahrscheinlich das selbe) und ließen aufgrund der Millionen-Dollar-Angebote die absolut indiskutablen und inhaltlich völlig unnötigen Fortsetzungen Matrix 2 & 3 folgen. Die Kohle kam, aber der Ruf war ruiniert.
Und nun, Jahre später, haben sie sich rehabilitiert. Es ist kein Zufall, dass der Titelheld ein lukratives Angebot des amoralischen Rennstall-Königs Royalton ausschlägt, um schließlich über all dessen Sabotageakte zu triumphieren. Dass dieser Film an der Kasse nicht funktionieren konnte, war absehbar. Aber sie haben es getan. Sie haben sich selbst - wieder - an die Wand gefahren mit etwas, das nicht funktionieren konnte, und sie wahrscheinlich auf absehbare Zeit von jeglichem Kredit befreit. Aber sie haben sich rehabilitiert und sind wieder das, was sie waren: Ohne Hype, aber die Wachsowski Brothers.
Sie fallen wahrscheinlich weich, anbetracht all der Matrix-Kohle. Dennoch verdient dieser Schritt Respekt.