9/04/2007

Hochzeitsflash

Zwar schreit einem die ganze Schöpfung entgegen, dass man älter wird, aber selten mit einer solchen Intensität wie beim Anblick des ganzjährigen Kalenderposters, wenn man wieder mal einen Hochzeitstermin - den siebten des Jahres - einträgt. Man möge mich nicht falsch verstehen, Hochzeiten sind eine wunderbare Sache und ich fühle mich stest geehrt, am Start sein zu dürfen. Hochzeiten waren immer die Momente meiner größten Erfolge, wie auch meiner tiefsten Stürze. Ich habe Programmpunkte bestritten und sie mir angesehen. Ich habe entführte Bräute gefunden und Brautentführerungen verhindert. Ich habe mit Trauzeuginnen geflirtet und Brautvätern Prügel angedroht. Ich habe am Tisch gesessen mit Pastorinnen und Gruftschlampen. Ich habe getanzt mit sehr kleinen Blumenmädchen und sehr schweren Schwiegermüttern.

Hochzeiten sind etwas besonderes und halten deshalb auch für alle Beteiligten das Potenzial des Besonderen. Sie können aus Gästeperspektive gesehen zu absolut unvergesslichen Abenden werden, sie können zu kleinen persönlichen Katastrophen werden und - vielleicht die interessanteste Variante - zu Abenden eines beinahe irrealen Losgelöstseins aus bekannten Kontexten, wenn man fremd ist, und sich Hals über Kopf in einen familiären Rahmen aus Verwandten und Freunden anderer eingebunden findet. Man findet Freunde für einen Abend und erfindet sich für eine Nacht neu.

In jeder Hinsicht perfekte Beiträge können langweilen und in jeder Hinsicht dilletantische begeistern. In dem selbstgeschriebenen und stockend vorgetragenen Gedicht von Tante Agathe kann soviel Verve stecken wie in der perfekten Musical-Nummer hipper Freunde aus dem Musik-Biz Kälte. Und natürlich umgekehrt. Eine Hochzeit kann um 7 Uhr abends enden und trotzdem ein ewig in Erinnerung bleibender Tag bleiben, und sie kann bis morgens um 7 gehen und trotzdem - ok, nein, in dem Fall war es garantiert der Burner. Jedenfalls, Hochzeiten sind etwas in jeder Hinsicht cooles.

Leider verliert man das angesichts der Ballung dieser besondersten Tage, wenn die Einladungen plötzlich zu Freizeitstress werden, die Buffets ein permanentes Déjà-Vu bewirken, die Hausband schon letztes Mal, am anderen Ende von Deutschland, dabei war, und man den Trauvers irgendwie schon mal gehört hat, manchmal aus den Augen. Aber gerade dann bringt der Abend dann meist die größten Überraschungen. Weil Hochzeiten eben doch sind was sie sind und nur Zyniker von Zeit zu Zeit mal abfällig darüber sprechen.

2 comments:

jimmyzugpferd said...

Hammatext, Meister Ron. Zeigt eine schöne kritische Sicht der Dinge bei gleichzeitiger Faszination davon, derer man sich kaum erwehren kann.
Machte ähnliche Erfahrungen mit immer wieder kehrenden Strukturen auf derartigen Festen. Besonders schlimm fand ich, wenn der einzelne Gast unbewußt manchmal auch bewußt dazu genötigt wird eine Reihe von Aufgaben während der Feierlichkeiten zu erfüllen, statt sich einfach nur gepflegt ein Glas Wein nach dem anderen trinken zu können und die Hochzeit für sich nutzbar zu machen.

Gruß
Daniel

unterwegs said...

@jimmyzugpferd:
Was heißt denn "die Hochzeit für sich nutzbar zu machen"? Vertickst du jetzt auch Versicherungen?

 
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